München. Die Münchner Sicherheitskonferenz beginnt in diesem Jahr ohne Schonfrist. Schon der vorab veröffentlichte Sicherheitsbericht macht klar, dass es 2026 nicht um Feinjustierung, sondern um Grundsatzfragen geht. Wolfgang Ischinger, der die Konferenz seit Jahren als Ort der Zuspitzung versteht, hat das Forum bewusst auf Kollision programmiert. Der Titel des Berichts ist keine diplomatische Umschreibung, sondern eine Kampfansage: Under Destruction.
Die Konferenz findet von 13. bis 15. Februar im Bayerischen Hof statt. Eröffnet wird sie vom deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Erwartet werden mehr als 60 Staats- und Regierungschefs, zahlreiche Außen- und Verteidigungsminister sowie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Russland bleibt ausgeschlossen. München wird damit erneut zum Ort, an dem sich entscheidet, ob Analyse in politische Konsequenz übersetzt wird.
Die Diagnose: Zerstörung als Politikstil
Der Sicherheitsbericht stellt eine unbequeme Frage an den Beginn: Wie steht es um die internationale Ordnung nach einem Jahr tiefgreifender Erschütterungen? Die Antwort fällt ernüchternd aus. Die Welt, so der Befund, ist in eine Phase der Abrissbirnenpolitik eingetreten. Politische Akteure gewinnen an Zustimmung, indem sie nicht Reform, sondern Zerstörung versprechen. Schrittweise Veränderung gilt als gescheitert, radikaler Bruch als Befreiung.
Der Bericht beschreibt diese Entwicklung nicht als Randphänomen, sondern als Strukturwandel. Die treibende Kraft sei eine weit verbreitete Enttäuschung über demokratische Institutionen und ein Verlust des Vertrauens, dass Reformen überhaupt noch möglich sind. In vielen Gesellschaften glauben nur noch Minderheiten, dass die Politik ihrer Regierungen kommende Generationen besserstellen wird. Das Gefühl politischer Ohnmacht wird zur zentralen Ressource der Zerstörer.
Zur Verdeutlichung greift der Bericht zu einer drastischen Metapher. Im Oktober 2025 seien wesentliche Teile des Weißen Hauses abgerissen worden. Der Vorgang wird nicht als Bauprojekt gedeutet, sondern als politisches Symbol. Der Abriss steht für einen Politikstil, der bestehende Strukturen nicht modernisieren, sondern niederreißen will, um etwas grundlegend anderes zu errichten.
Der Bericht zitiert aus der Antrittsrede Donald Trumps, in der dieser erklärt, Amerikas Niedergang sei beendet. Für die Autoren ist der Satz mehr als Rhetorik. Er markiert den Anspruch, mit der bisherigen Ordnung zu brechen. Ausgerechnet die Vereinigten Staaten, die die internationale Nachkriegsordnung maßgeblich aufgebaut haben, erscheinen nun als ihr prominentester Demontageakteur. Mehr als 80 Jahre nach ihrer Entstehung befindet sich diese Ordnung nicht mehr in der Krise, sondern im gezielten Rückbau.
Europa im Spannungsfeld zweier Bedrohungen
Für Europa beschreibt der Bericht eine doppelte Belastung. Die erste ist Russland. Der Angriffskrieg gegen die Ukraine habe die Reste der kooperativen Sicherheitsarchitektur nach dem Kalten Krieg zerstört. Europa sei in eine langfristige Phase der Konfrontation eingetreten. Der Bericht betont dabei, dass es nicht allein um Frontverläufe gehe, sondern um eine systematische Ausweitung hybrider Kriegsführung.
Sabotageakte, Cyberangriffe, Brandstiftungen, Drohnenvorfälle, Luftraumverletzungen und Desinformationskampagnen werden als Teil einer Strategie beschrieben, die bewusst unterhalb klassischer Kriegsschwellen bleibt. Ziel sei es, Verunsicherung zu erzeugen, Entscheidungsprozesse zu lähmen und den politischen Willen zur Unterstützung der Ukraine zu untergraben. Europa müsse lernen, diese Grauzone aktiv zu adressieren, ohne unkontrolliert zu eskalieren.
Die zweite Belastung kommt aus Washington. Der Bericht spricht von einem schrittweisen Rückzug der USA aus ihrer traditionellen Rolle als primärer Sicherheitsgarant Europas. Schwankende Unterstützung für die Ukraine und aggressive Rhetorik gegenüber Verbündeten, etwa im Zusammenhang mit Grönland, hätten Europas Unsicherheitsgefühl erheblich verstärkt. Gleichzeitig werde sichtbar, dass Europa seinen Übergang vom Sicherheitskonsumenten zum Sicherheitsanbieter bislang nicht abgeschlossen hat.
Besonders prägnant ist die psychologische Beschreibung dieser Lage. Europa befinde sich zwischen Verdrängung und Akzeptanz. Einerseits bemühten sich die europäischen Staaten, die USA um nahezu jeden Preis eingebunden zu halten. Andererseits bewegten sie sich nur zögerlich in Richtung strategischer Eigenständigkeit und verschöben damit die Vorbereitung auf eine Zukunft, in der amerikanische Sicherheitszusagen stärker konditioniert sind.
Wirtschaft, Handel und Zwang
Ein eigenes Kapitel widmet der Bericht der globalen Wirtschaft. Die Autoren sehen 2025 als Wendepunkt. Die Vereinigten Staaten hätten offen begonnen, ökonomischen Zwang einzusetzen, um politische und handelspolitische Zugeständnisse zu erzwingen. Damit sei das regelbasierte Handelssystem, das Washington selbst mit aufgebaut hat, faktisch verlassen worden. China setze parallel seine marktverzerrenden Praktiken fort und verschärfe die Nutzung wirtschaftlicher Engpässe, insbesondere bei kritischen Rohstoffen.
Der Bericht stellt fest, dass der Welthandel widerstandsfähiger sei als zunächst erwartet. Zugleich warnt er vor den langfristigen Kosten von Fragmentierung und Unsicherheit. Diese wirkten wie eine unsichtbare Wohlstandssteuer, hemmten Investitionen und untergrüben wirtschaftliche Planung. Ironischerweise träfen diese Effekte auch die Vereinigten Staaten selbst.
Gleichzeitig beschreibt der Bericht Gegenbewegungen. Weltweit entstünden neue Handelskoalitionen, die weiterhin an den Prinzipien der Welthandelsordnung festhalten. Ob diese Koalitionen ausreichen, um regelbasierten Handel zumindest teilweise zu bewahren, oder ob das System vollständig in das Recht des Stärkeren kippt, lasse sich derzeit nicht beantworten.
Die amerikanische Delegation und die Erinnerung an Vance
Aus den Vereinigten Staaten wird in diesem Jahr Außenminister Marco Rubio die Delegation in München anführen. Begleitet wird er von mehr als 50 Kongressabgeordneten beider Parteien. Die ungewöhnlich breite parlamentarische Präsenz wird als Signal gewertet, dass Washington trotz transatlantischer Spannungen Präsenz zeigen will – zugleich aber auch die innenpolitischen Bruchlinien sichtbar macht, die die amerikanische Außenpolitik prägen.
Nicht erwartet wird hingegen US-Vizepräsident J. D. Vance. Sein Auftritt im Vorjahr hatte die Konferenz nachhaltig geprägt. Vance hatte Europa scharf kritisiert, von inneren Bedrohungen gesprochen und europäischen Regierungen Defizite bei Meinungsfreiheit und demokratischer Kultur vorgeworfen. Seine Rede wurde vielfach als Moment offener transatlantischer Entfremdung wahrgenommen.
Die Frage, ob der „Sicherheitsschreck“ Vance auch in diesem Jahr wieder auf dem Podium stehen wird, gehört zu den meistgestellten im Vorfeld. Die nüchterne Antwort lautet also: nicht in Person. Die Grundsatzdebatte, die sein Auftritt ausgelöst hat, prägt die Konferenz jedoch weiterhin. Amerikas Kurs, die Verlässlichkeit von Sicherheitsgarantien und die Zukunft der transatlantischen Partnerschaft stehen im Zentrum – unabhängig davon, wer spricht.
München als Entscheidungspunkt
Die Münchner Sicherheitskonferenz 2026 ist damit mehr als ein routiniertes Treffen. Sie ist ein Test für Europas Handlungsfähigkeit. Der Kontinent muss gleichzeitig russischer Aggression begegnen, die Ukraine politisch, militärisch und wirtschaftlich stützen und sich auf ein Amerika einstellen, das Sicherheitszusagen stärker an Bedingungen knüpft.
Der Sicherheitsbericht liefert die Diagnose mit ungewohnter Schärfe. München wird zeigen, ob daraus Strategie entsteht. Ischingers Konzept bleibt unverändert: keine Sonntagsreden, keine Selbstbestätigung, sondern Konfrontation. Die Frage, die über den drei Tagen vom 13. bis 15. Februar schwebt, lautet nicht mehr, ob die internationale Ordnung unter Druck steht. Sie lautet, ob Europa bereit ist, diesen Druck auszuhalten – und die Konsequenzen daraus zu ziehen.