Nürnberg/Berlin. Die Kriminalpolizei Nürnberg hat einen Serienbetrug bei Sprach- und Einbürgerungstests für Migranten aufgedeckt, die Tätergruppe operierte offenbar bundesweit. Der aktuelle Fall erinnert an das Auffliegen der Betrügereien bei Sprachzertifikaten und „Leben in Deutschland“-Tests im September des Vorjahres.
Der Ablauf der Straftaten: Vermittler schickten bezahlte Stellvertreter mit gefälschten Ausweisdokumenten in offizielle Prüfungen und kassierten dafür bis zu 6.000 Euro pro Test. Zwei Männer sitzen derzeit in Untersuchungshaft, weitere Festnahmen sowie eine hohe zweistellige Zahl an Ermittlungsverfahren stehen laut Polizei bevor.
Auch dieser Fall deckt akute Schwachstellen im deutschen Einbürgerungs- und Integrationssystem auf: Wie das Polizeipräsidium Mittelfranken in einer ausführlichen Pressemitteilung erklärte, begann die Operation bereits im Oktober 2025. Das Kommissariat 43 des Kriminalfachdezernats 4 in Nürnberg ermittelte in enger Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth gegen mehrere Tatverdächtige. Im Zentrum steht ein 39-jähriger Iraker, der in Nürnberg lebt. Der Migrant agierte als zentraler Vermittler.
Statt wie früher ganze Sprachzertifikate zu fälschen, setzte er auf eine neue Masche: Sogenannte „Stellvertreter“ – also Personen mit sehr guten Deutschkenntnissen – legten die Prüfungen für zahlende Kunden ab. Die Täuschung funktionierte so: Die Stellvertreter erschienen mit gefälschten Personaldokumenten, auf denen ihr eigenes Foto mit den persönlichen Daten des eigentlichen Prüflings kombiniert war.
Die Prüfer in den Sprachschulen und Testzentren erkannten den Schwindel nicht und stellten nach bestandener Prüfung echte, behördlich anerkannte Zertifikate aus. Diese Dokumente dienten anschließend als Grundlage für die Verlängerung von Aufenthaltserlaubnissen oder sogar für die Einbürgerung in Deutschland.
Jeder ertappte Migrant zahlte bis zu 6.000 Euro für Betrug
Die Preise für die illegale Dienstleistung lagen zwischen 2.500 und 6.000 Euro pro absolvierter Prüfung. Die „Kunden“ – meist Migranten, die die erforderlichen Sprach- und Integrationskenntnisse nicht nachweisen konnten – zahlten den Betrag offenbar bereitwillig, um den bürokratischen Weg zu einer Bleibeperspektive oder zur deutschen Staatsbürgerschaft zu beschleunigen.
Der entscheidende Schlag gelang den Ermittlern im Januar 2026: Im Rahmen verdeckter operativer Maßnahmen nahmen sie einen 22-jährigen deutschen Staatsangehörigen noch während einer Stellvertreterprüfung direkt im Prüfungsraum fest. Kurz zuvor war der 39-jährige Hauptverdächtige in Nürnberg verhaftet worden. Beide sitzen seitdem in Untersuchungshaft – gegen sie erließ der Ermittlungsrichter Haftbefehle.
Bereits im Dezember 2025 hatten Beamte in einer Sprachschule in Nordrhein-Westfalen zehn mutmaßliche Stellvertreter gleichzeitig enttarnt. Die Rekrutierung der Prüfungsvertreter erfolgte überwiegend in diesem Bundesland, während Organisation und Vermittlung von Nürnberg aus koordiniert wurden. Bei Hausdurchsuchungen in Nürnberg und Hamm (NRW) stießen die Ermittler auf umfangreiches Beweismaterial: zahlreiche Datenträger, gefälschte Aufenthaltstitel und Sprachzertifikate, Bargeld in erheblicher Höhe sowie geringe Mengen an Betäubungsmitteln.
Die Polizei geht davon aus, dass die bisherigen Fälle nur die Spitze des Eisbergs darstellen. „Nach erster Auswertung der Beweismittel ist von einer hohen zweistelligen Zahl weiterer Ermittlungsverfahren auszugehen“, heißt es in der offiziellen Mitteilung.
Der Fall erinnert an ähnliche Betrugsmaschen, die bereits bei Führerschein-Theorieprüfungen aufgedeckt wurden. Experten kritisieren, dass die Identitätsprüfung in vielen Testzentren nach wie vor Schwachstellen aufweist – trotz biometrischer Passbilder und Ausweiskontrollen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und die zuständigen Landesbehörden prüfen nun, in welchem Umfang erschlichene Zertifikate bereits zu unrechtmäßigen Aufenthaltstiteln oder Einbürgerungen geführt haben.
CDU und AfD fordern schärfere Kontrollen
Die aufgeflogenen Kunden der Bande könnten nun rückwirkend ihre Rechte verlieren; im Extremfall droht sogar der Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft, wenn sie durch Täuschung erworben wurde.
Politiker aus Union und AfD fordern bereits seit Monaten schärfere Kontrollen sowie eine zentrale Überprüfung aller in den vergangenen Jahren ausgestellten Zertifikate. Vertreter von Grünen und SPD betonen hingegen, Integrationskurse und Sprachförderung müssten massiv ausgebaut werden, um solche kriminellen Umwege gar nicht erst attraktiv zu machen.