KI-Angst drückt Softwareaktien auf ungewöhnlich niedrige Bewertungen

Die Sorge, künstliche Intelligenz könnte klassische Softwareanbieter verdrängen, hat einen historischen Ausverkauf der Branche ausgelöst. Analysten halten jedoch ein gegenteiliges Szenario für möglich.

Amazon-Logo – der Konzern zählt zu den Unternehmen, die derzeit massiv in künstliche Intelligenz investieren. Foto: Artur Widak/Anadolu Agency via Getty Images

Amazon-Logo – der Konzern zählt zu den Unternehmen, die derzeit massiv in künstliche Intelligenz investieren. Foto: Artur Widak/Anadolu Agency via Getty Images

New York. Die vier größten Technologieunternehmen der Vereinigten Staaten, die im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) führend sind, werden in diesem Jahr eine beispiellose Summe von 650 Milliarden Dollar in Rechenzentren und andere KI-bezogene Infrastruktur investieren. Das entspricht etwa dem Vierfachen des prognostizierten Bruttoinlandsprodukts der Slowakei.

Investoren zeigen sich angesichts der Dimension überrascht und reagieren längst nicht mehr so begeistert wie im vergangenen Jahr, als sie darin noch ein Signal für einen ersehnten Innovationsschub sahen. Nach einem weiteren Anstieg um 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr gilt der Kurs nun weniger als strategisch durchdachte Expansion denn als Ausdruck eines immer intensiveren Wettlaufs.

Ein Wettlauf mit offenem Ausgang

Auf den Märkten wächst die Sorge, dass keiner der vier Giganten – Amazon, Alphabet, Microsoft oder Meta – ins Hintertreffen geraten will und deshalb bereit ist, Hunderte Milliarden Dollar in ein potenzielles schwarzes Loch zu lenken. Dahinter steht weniger kühle Kalkulation als die Angst, im Rennen um die Vorherrschaft bei künstlicher Intelligenz zurückzufallen.

Der sogenannte FOMO-Effekt (Fear of Missing Out) – die Angst, etwas Entscheidendes zu verpassen – gilt eigentlich als typisches Muster unerfahrener Kleinanleger. Doch inzwischen lässt sich ein ähnlicher Reflex auch bei den großen Technologiekonzernen beobachten. Er resultiert aus ihrem ambivalenten Verhältnis zur künstlichen Intelligenz.

Einerseits eröffnet sie ihnen die historische Chance, sich an die Spitze der Branche zu setzen und die Konkurrenz deutlich hinter sich zu lassen. Andererseits wird genau die Technologie zunehmend als existenzielle Bedrohung wahrgenommen.

Besonders deutlich wird der Zwiespalt am Beispiel Microsofts, das Milliarden in künstliche Intelligenz investiert. Die Technologie stellt eine ernsthafte Gefahr für die eigenen Softwareprodukte dar – also für genau jene Anwendungen, die die Ära des modernen Personalcomputers geprägt haben.

Hohe Investitionen, wachsende Unsicherheit

Je stärker die Konzerne ihre Mittel in immer größere KI-Projekte lenken, desto unsicherer erscheint deren wirtschaftlicher Ertrag. Gleichzeitig schrumpft der Spielraum für Aktienrückkäufe und Dividenden. Statt Kapital an die Aktionäre auszuschütten, häufen die Unternehmen neue Schulden an.

Beides kommt an den Märkten schlecht an. Entsprechend reagieren die Aktien vieler Technologiekonzerne bereits mit Kursverlusten auf neue Investitionsankündigungen. Zusätzliche Unsicherheit entsteht dadurch, dass selbst die führenden KI-Anbieter nicht sagen können, wann sich die gewaltigen Ausgaben tatsächlich amortisieren werden.

Damit Anleger den massiven Kapitaleinsatz akzeptieren, braucht es zunehmend belastbare Nachweise für tragfähige Geschäftsmodelle. Dazu gehört auch die Erwartung, dass künstliche Intelligenz den bestehenden Softwaremarkt grundlegend verändern oder in Teilen verdrängen wird. Etablierte Anbieter wie Adobe oder ServiceNow geraten dadurch ebenso unter Druck wie Microsofts Softwaregeschäft.

Anleger gehen bislang davon aus, dass genau das eintreten wird. Je länger jedoch Zweifel am wirtschaftlichen Ertrag der enormen KI-Ausgaben anhalten, desto eher könnten Softwareaktien wieder stärker in den Fokus rücken – insbesondere bei Unternehmen, deren Geschäftsmodelle sich erfolgreich an die neue Technologie anpassen lassen.

Softwaretitel könnten daher vor einer kräftigen Erholung stehen, so die Investmentbank Jefferies. Der börsengehandelte Fonds von BlackRock mit Schwerpunkt auf Softwarewerten verzeichnete in der vergangenen Woche die höchsten Abflüsse seit fast einem Vierteljahrhundert.

Eine derart negative Stimmung gegenüber dem Softwaresektor ist nur selten zu beobachten. Anleger trennen sich derzeit in großer Zahl von entsprechenden Titeln – so massiv, dass selbst Nvidia-Chef Jensen Huang zuletzt den Kopf schüttelte.

Offenbar treibt viele Investoren die Sorge um, künstliche Intelligenz könnte das Geschäftsmodell klassischer Softwareanbieter grundlegend erschüttern. Die Nervosität scheint bereits ein fortgeschrittenes Stadium erreicht zu haben: Verkauft werden auch Aktien von Unternehmen, deren Geschäft deutlich über reine Software hinausgeht und die sogar von künstlicher Intelligenz profitieren könnten.

Übertreibt der Markt?

Der beispiellose Ausverkauf von Softwareaktien gilt als zentraler Grund für ihre deutliche Unterbewertung. Nach Einschätzung des Finanzanalysehauses Morningstar hat das Bewertungsniveau ein Ausmaß erreicht, das Anleger kaum ignorieren können.

Die Analysten sehen bei Microsoft ein Kurspotenzial von rund 50 Prozent, bei ServiceNow sogar von bis zu 100 Prozent.

Der Text wurde ursprünglich auf der Website lukaskovanda.cz veröffentlicht.