Brüssel. Die meisten Autofahrer wissen, wie viel ein Liter Benzin oder Diesel derzeit an der Tankstelle kostet. Nach der jüngsten Energiekrise, in der der Gaspreis eine wichtige Rolle spielte, kennen inzwischen auch viele Verbraucher den Preis einer Kilowattstunde Strom. Für Gas fehlt ein vergleichbar ausgeprägtes Bewusstsein bislang.
Das hängt auch davon ab, womit zu Hause geheizt wird. Gerade Gas ist ein strategischer Rohstoff, der nicht nur direkten Einfluss auf Haushaltsbudgets hat, sondern ebenso auf das Funktionieren der Industrie, die Stabilität der Energienetze und letztlich auf die politische und wirtschaftliche Sicherheit Europas.
Ein Verständnis der Gaspreise ist daher unerlässlich, um nachvollziehen zu können, warum Europa energiepolitisch angespannt ist, weshalb politische Entscheidungen immer häufiger von der Frage der Versorgung abhängen und aus welchem Grund Energie zu einem Thema der hohen Politik geworden ist.
Gas als Schlüsselfaktor
Gas ist eine unsichtbare Energiequelle im Alltag. Die meisten Haushalte nutzen Gas zum Erhitzen von Wasser, zum Kochen und vor allem zum Heizen von Wohnungen und Häusern – also für Vorgänge, die als selbstverständlich gelten, solange alles funktioniert. Haushalte machen dabei etwa 35 bis 40 Prozent des gesamten Gasverbrauchs in der Europäischen Union aus.
Der Verbrauch ist stark saisonabhängig und hängt vor allem vom Winter ab. Rund 62 Prozent des in Haushalten verbrauchten Gases entfallen auf die Heizung. Jeder kältere Winter wirkt sich daher nicht nur unmittelbar auf Haushaltsrechnungen aus, sondern erhöht auch den Druck auf den gesamten europäischen Energiemarkt.
Heizkosten tragen zugleich zu sozialen Spannungen bei, weshalb gerade der Aspekt der Gasversorgung politisch besonders im Fokus steht. Tatsächlich bildet er jedoch nur einen Teil des Gesamtverbrauchs ab. Weitere etwa 30 bis 35 Prozent des Gases werden in der Industrie eingesetzt, insbesondere in der Chemie- und Papierindustrie sowie in der Stahl- und Eisenproduktion, wo Gas nicht nur als Energiequelle, sondern häufig auch als Produktionsrohstoff dient.
Die Verstromung von Gas
Der am wenigsten sichtbare, strategisch jedoch besonders wichtige Teil des Gasverbrauchs – etwa 25 bis 30 Prozent – entfällt auf die Stromerzeugung in Gaskraftwerken. Diese verfügen über eine entscheidende Eigenschaft: Sie lassen sich unabhängig vom Wetter rasch hoch- und herunterfahren.
Gerade deshalb fungieren sie als Regulierungselement im Stromnetz und bilden eine unverzichtbare Ergänzung zu erneuerbaren Energiequellen, deren Produktion von den jeweiligen Wetterbedingungen abhängt. Gaskraftwerke sichern damit die Stabilität des Übertragungsnetzes in Phasen, in denen die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht.
Der Anstieg der Gaspreise im Jahr 2022 war einer der Hauptauslöser der Energiekrise in Europa. Der Strompreis auf dem europäischen Markt orientiert sich an den Kosten der jeweils teuersten Erzeugungsquelle, die zur Deckung der Nachfrage benötigt wird – und das waren damals die Gaskraftwerke.
Der politische Druck auf den Gaspreis ist daher größer als bei Öl oder Strom, da Gas zugleich Haushalte, Industrie und öffentliche Finanzen betrifft. Es dient im Winter als wichtige Heizquelle, ist für Teile der Industrie ein unverzichtbarer Rohstoff und zugleich ein Kostenfaktor, den Staaten in Krisenzeiten häufig subventionieren oder regulieren müssen.
Abschied vom russischen Pipeline-Gas
Viele Jahre lang deckte Europa seinen Erdgasbedarf weitgehend durch Lieferungen aus Russland. Das Modell brach mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine nicht nur im übertragenen Sinne zusammen, sondern auch physisch, als die Nord-Stream-Pipelines 2022 durch Sabotage beschädigt wurden. Russisches Gas bot Europa mehrere wesentliche Vorteile: niedrige Transportkosten, vergleichsweise stabile Preise und die Möglichkeit, langfristige Verträge abzuschließen.
Das Ergebnis war ein regionaler Gaspreis, der stärker durch bilaterale Beziehungen – insbesondere zwischen Deutschland und Russland – als durch den globalen Markt geprägt wurde. Für Deutschland entwickelte sich günstige russische Energie zu einer der Grundsäulen des Industriemodells und der Wettbewerbsfähigkeit, vor allem in energieintensiven Branchen.
Der Zusammenbruch der Ordnung bedeutete daher nicht nur einen Lieferantenwechsel, sondern einen Eingriff in die Grundlagen der europäischen und insbesondere der deutschen Wirtschaftsstrategie. Europa war gezwungen, innerhalb kurzer Zeit das regionale Pipeline-Modell durch die stärkere Einbindung in den globalen Flüssiggasmarkt zu ersetzen.
Der Übergang von Pipeline-Gas zu Flüssiggas bedeutete für Europa eine grundlegende Veränderung der Energielogik. LNG ermöglicht zwar den Import von Gas aus aller Welt statt nur von regionalen Lieferanten, ist jedoch mit deutlich höheren Kosten verbunden, da der Prozess technisch aufwendig ist.
Das Gas muss zunächst verflüssigt, anschließend per Schiff transportiert und nach der Ankunft wieder regasifiziert werden. Zudem unterliegen die Frachtraten im Seetransport erheblichen Schwankungen, da sie stark von der aktuellen Nachfrage abhängen.
Der Gaspreis wird damit nicht mehr in erster Linie durch regionale Vereinbarungen bestimmt, sondern durch globale Nachfrage, Transportkapazitäten und geopolitische Entwicklungen weit außerhalb Europas. Der Kontinent ist dadurch vor allem in direkte Konkurrenz zu Asien getreten, wo Flüssiggas seit Langem ein zentraler Bestandteil der Energieversorgung ist.
Europa hat sich nicht aus der Abhängigkeit von Gas gelöst, sondern lediglich den Bezug neu organisiert. Der Übergang zu LNG hat dem Kontinent mehr Flexibilität verschafft, zugleich aber höhere Preise und stärkere Abhängigkeit von globalen Marktschwankungen mit sich gebracht.
Europas neue Gaslandkarte
Nach dem Zusammenbruch des russischen Pipeline-Modells hat sich die Struktur der europäischen Gasversorgung grundlegend verändert. Wichtigster Pipeline-Lieferant ist nun Norwegen, das heute den größten Teil der stabilen Lieferungen in die Europäische Union sicherstellt. Norwegisches Gas gilt als relativ zuverlässige und politisch sichere Quelle, deren Ausbau jedoch an natürliche Grenzen stößt. Die Förderung basiert auf ausgereiften Lagerstätten [Gaslagerstätten, die bereits seit Langem erschlossen werden und sich in einer späten Phase ihres Lebenszyklus befinden, Anm. d. Red.], weshalb eine weitere Steigerung nur begrenzt möglich ist.
Weitere Pipeline-Lieferungen kommen aus Algerien und Aserbaidschan, also aus Regionen, die zur Diversifizierung der Bezugsquellen beitragen, den europäischen Bedarf allein jedoch nicht decken können. Ihre Rolle ist wichtig, bleibt strukturell aber ergänzend. Flüssiggas ist daher zu einem Schlüsselelement der neuen europäischen Energiearchitektur geworden. LNG aus den USA und Katar macht inzwischen einen bedeutenden Teil der Importe aus und ermöglicht Europa, flexibel auf Ausfälle einzelner Routen zu reagieren.
Eine besondere Rolle in der neuen Energiearchitektur spielt Großbritannien, das dank seiner Infrastruktur und der Anbindung an Kontinentaleuropa zu einem wichtigen Transit- und Handelsknotenpunkt geworden ist. Ein Teil des nach Europa gelieferten Gases erscheint in den Statistiken daher als Import aus Großbritannien, obwohl der tatsächliche Ursprung in LNG-Terminals auf der anderen Seite des Atlantiks oder im Nahen Osten liegt. Europa hat damit keinen neuen Produzenten, sondern einen neuen Vermittler gewonnen.
Verschiebung von Abhängigkeiten
Das Ergebnis der Entwicklung ist eine grundlegende Verschiebung der Energieabhängigkeit. Sie hat sich nicht von einem einzelnen Lieferanten hin zu völliger Unabhängigkeit verlagert, sondern auf ein dichtes Netz aus Routen, Terminals und Knotenpunkten ausgeweitet. Die Risiken sind folglich nicht verschwunden, sondern haben lediglich eine andere Form angenommen.
Die Frage ist nicht mehr nur, ob ein einzelner Lieferant beschließt, Gas zurückzuhalten, sondern auch, was geschieht, wenn die norwegische Produktion ausfällt, die weltweite LNG-Nachfrage die Preise in die Höhe treibt oder zentrale Infrastruktur gestört wird.
Die Abhängigkeit hat sich damit von einer politischen Bindung hin zu einer Vielzahl technischer und marktbezogener Unsicherheiten verschoben, die schwerer zu steuern und noch schwerer vorherzusagen sind. Der Gaspreis ist heute nicht mehr allein das Ergebnis von Angebot und Nachfrage, sondern spiegelt auch wider, inwieweit Europa mit einer Kombination aus technischen Einschränkungen, globalem Wettbewerb und geopolitischen Spannungen umgehen kann.