Weniger arbeiten ist auch keine Lösung

Im europäischen Vergleich liegt Deutschland bei den Arbeitsstunden im unteren Bereich. Mit dem Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ entfachte die CDU eine harsche Debatte über Fleiß und Einsatzbereitschaft. Doch ist mehr Arbeit wirklich zielführend?

Müssen wir mehr arbeiten? Foto: Jose carlos cerdeno martinez/Getty Images

Müssen wir mehr arbeiten? Foto: Jose carlos cerdeno martinez/Getty Images

Berlin. Mehr arbeiten oder nicht? Das ist die Kernfrage. Es geht um Wachstum - darum, global mithalten zu können und wirtschaftlich nicht abgehängt zu werden.

Die Antwort auf die Frage, wie das gelingen kann, ist nicht einfach. Zahlreiche Aspekte sind zu bedenken. Friedrich Merz hatte gefordert, dass die Menschen in Deutschland mehr arbeiten. „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance lässt sich der Wohlstand dieses Landes nicht erhalten“, sagte der Kanzler einst in seiner ersten Regierungserklärung. Die These ist simpel, allein jedoch nicht zielführend.

Anfang des Jahres sprach der CDU-Wirtschaftsflügel von „Lifestyle-Teilzeit“. Klar ist, dass solche Forderungen sofort die Sozialdemokraten auf den Plan rufen und an eine Gruppe erinnern, die sie in jüngster Zeit allzu gerne vergessen. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Deutschen Bundestag, Dagmar Schmidt, wies den Vorstoß, das Recht auf Teilzeit abzuschaffen, im Gespräch mit dem Handelsblatt als „Schleifen hart erkämpfter Arbeitnehmerrechte“ zurück. Beide Sichtweisen mögen einleuchten und dennoch auf Widerstand stoßen.

Teilzeitbeschäftigung ist für Unternehmen einerseits teurer als Vollzeit. Ob die Personalabteilung einen Minijobber oder einen Vollzeitmitarbeiter verwaltet, macht keinen Unterschied. Andererseits sind Teilzeitkräfte flexibler einsetzbar und können leichter Spitzen abfedern. Für viele berufstätige Frauen, vor allem Mütter, ist die Teilzeitstelle die einzige Option, einer Erwerbsarbeit nachzugehen.

Gute Gründe

Es gibt jedoch einen guten Grund für den Vorstoß des CDU-Wirtschaftsflügels, und das ist der starke Anstieg der Teilzeitbeschäftigung. Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigen, dass die Teilzeitquote im Sommer 2025 erstmals die Marke von 40 Prozent überschritten hat. „2026 wird sie insgesamt darüber liegen“, sagte IAB-Arbeitsmarktexperte Enzo Weber dem Handelsblatt. Der Anstieg ist signifikant, denn in den 1990er-Jahren lag die Teilzeitquote noch bei gut 20 Prozent.

Mehr arbeiten, wie es Merz und die Mittelstandsvereinigung der Union MIT fordern, erscheint vielen nicht als geeignete Lösung. Anstatt ein Arbeitnehmerrecht wie das auf Teilzeit abzuschaffen, fordert Schmidt: „Wir müssen in die Menschen in diesem Land investieren, in Bildung, Qualifizierung, Forschung, Entwicklung und höhere Produktivität.“

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) teilt solche Befürchtungen. „Teilzeitarbeit in Deutschland ist vor allem weiblich“, so Anja Piel in einer Pressemeldung des DGB. Das sei keine Lifestylefrage, sondern die Folge davon, dass vor allem Frauen massenhaft unbezahlte Sorgearbeit leisten. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes bestätigen die Sicht im Prinzip. Bei Frauen war die Teilzeitquote im Jahr 2025 mit 49,5 Prozent deutlich höher als bei Männern. Allerdings gaben diejenigen, die wegen der Betreuung von Angehörigen wie Kindern oder Pflegebedürftigen in Teilzeit arbeiten, überwiegend an, dies auf eigenen Wunsch zu tun. Mit 65 Prozent sind es rund zwei Drittel derer, die wegen Betreuung in Teilzeit arbeiten und unabhängig von Kosten oder Verfügbarkeit von Betreuungsangeboten die Betreuung selbst übernehmen wollen.

Mehr Arbeit ist nicht mehr Wohlstand

Damit stellt sich die Frage, ob ein Wegfall des Rechts auf Teilzeit tatsächlich mehr Menschen aus der Arbeit drängt, statt zusätzliche Arbeit zu schaffen. Auch Fachleute stellen den Sinn von einfach mehr arbeiten infrage. Enzo Weber vom IAB erklärte im Gespräch mit The Pioneer, Wohlstand entstehe in erster Linie nicht durch mehr Stunden, sondern dadurch, die Zeit effizienter zu nutzen. Auf diesem Weg sei Deutschland historisch erfolgreich geworden: durch technischen Fortschritt, Innovation, Qualifizierung und Bildung. „Genau in diesen Bereichen hinken wir aber aktuell hinterher“, so Weber weiter.

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Zu den Möglichkeiten, Arbeitnehmer zu mehr Arbeit zu motivieren, hatte das IAB schon im Vorjahr Zahlen vorgelegt. Sie zeigen, dass Männer häufiger als Frauen bereit sind, an einzelnen Tagen mehr als zehn Stunden zu arbeiten. 38 Prozent der Männer ohne Kinder und 48 Prozent der Männer mit Kindern sind eher bereit, Erwerbsarbeitszeiten von mehr als zehn Stunden an einzelnen Tagen zu akzeptieren. Bei Frauen liegt der Anteil, unabhängig davon, ob sie Kinder haben oder nicht, bei nur 25 Prozent. Geschlechtsspezifischen Rollenbildern weist das IAB eine bedeutendere Rolle zu als der Frage nach dem Bedarf an (Kinder-)Betreuung.

Das Zauberwort heißt Produktivität

Es zeigt sich, dass die politischen Werkzeuge, Menschen zu mehr Arbeit zu bewegen, nicht eng begrenzt sind, sondern bei falscher Anwendung sogar kontraindiziert sein können. Das gilt, obwohl Deutschland mit einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 1331 Stunden im Jahr das Schlusslicht unter allen OECD-Ländern bildet.

Produktivität spielt eine entscheidende Rolle. Hier hat Deutschland massiv eingebüßt. Die Wertschöpfung pro Stunde ist in Deutschland rund 30 Prozent geringer als in den USA. Seit dem Jahr 2000 sei die Arbeitsproduktivität in den USA „deutlich schneller gewachsen als in Deutschland“, so heißt es im Jahreswirtschaftsbericht der Bundeswirtschaftsministerin. Fakt ist, dass sich die These vom faulen Deutschen im Grunde nicht halten lässt. Es ist reiner Populismus. Die Stellschraube für mehr Wachstum heißt eindeutig, zunächst Produktivitätszuwachs anzustreben. Dieser ist durch Bildung, Ausbildung und fortschrittliche Technologie am Arbeitsplatz zu erreichen.

Dennoch wird allein das nicht reichen, denn der demografische Wandel und der Fachkräftemangel werden auf den Arbeitsmarkt und damit auf die Wirtschaftskraft des Landes durchschlagen. Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat es in der Talkshow von Maybrit Illner recht nüchtern vorgerechnet. Hüther wörtlich: „In dieser Legislaturperiode von 2025 bis 2029 werden 5,1 Millionen Menschen in Rente gehen, aber nur zwei Millionen im Alter von 20 Jahren in den Arbeitsmarkt, in ihre Berufsbiografie, einsteigen – eine Lücke von 3,1 Millionen!“

Der Fachmann hält jede Diskussion über Faulheit oder Lifestyle für völlig verfehlt. Das sei alles Quatsch, sagt er. Es sei immer die gleiche Frage, die zu stellen sei: „Wie gehen wir mit der alterungsbedingten Schrumpfung unserer Erwerbspersonen um?“ Die dringende Forderung des Experten lautet, dass wir mehr und länger arbeiten müssen. Hüther: „Wir werden über die Erhöhung des Arbeitsvolumens nachdenken. Dazu gehört auch eine Dynamisierung des Rentenzugangsalters nach Lebenserwartung.“ In der Schweiz, so der Ökonom, sei ein Vollzeiterwerbstätiger 249 Stunden mehr im Jahr tätig als hierzulande.

Die Lösung des Problems liegt wohl darin, das eine nicht zu lassen und das andere dennoch zu tun. Sowohl mehr Wochen- als auch mehr Lebensarbeitszeit werden in den kommenden Jahren unumgänglich sein. Das allerdings bedeutet ohne einen spürbaren Zuwachs der Produktivität bestenfalls den Erhalt des Status quo, aber noch nicht das nötige Wachstum. Wenn mehr Flexibilität zu mehr Arbeit führt, kann es der Weg sein.

Was immer zu tun ist: Am Ende ist nicht mehr zu arbeiten auch keine Lösung.