Der Preis der Diversifizierung

Europa könnte einen Teil der Gaslieferungen aus den USA ersetzen. Das größte Potenzial haben Katar und Kanada, gefolgt von Algerien, Nigeria und Aserbaidschan. Doch die Hindernisse sind größer, als es zunächst scheint.

Neue Lieferketten sollen die Energieversorgung breiter absichern. Foto: Sean Gallup/Getty Images

Neue Lieferketten sollen die Energieversorgung breiter absichern. Foto: Sean Gallup/Getty Images

Brüssel. Die europäischen Länder befinden sich derzeit in keiner beneidenswerten Lage. Sie geraten zunehmend zwischen die Fronten: Der Kreml stellt eine Sicherheitsbedrohung dar, chinesische Unternehmen erobern aggressiv den europäischen Markt und verdrängen die Konkurrenz in Schlüsselbranchen, und Washington, das lange seine schützende Hand über den Kontinent gehalten hat, geht immer unberechenbarer vor und setzt Europa unter Druck, eigene Forderungen zu akzeptieren – von Handelsabkommen über eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben im Rahmen der NATO bis hin zu Fragen rund um Grönland und einen möglichen Frieden in der Ukraine.

Europa strebt daher größere strategische Souveränität und engere Beziehungen zu anderen, eher kleineren betroffenen Staaten an, um die Einflussmöglichkeiten der Großmächte zu begrenzen.

Einer der wichtigsten Bereiche ist die Energiesicherheit, wobei der Blick vor allem auf Gas gerichtet ist. Gas gilt seit langem als Motor der europäischen Wirtschaft. Es wird nicht nur zum Heizen und in Unternehmen verwendet, sondern auch zur Stromerzeugung, wo es als letzte zugeschaltete Quelle in der Regel den endgültigen Preis auf dem gesamten Markt bestimmt.

Die wirtschaftliche Realität auf dem Kontinent wird trotz der zunehmenden Bedeutung erneuerbarer Energien noch über Jahrzehnte prägend bleiben, da Gas im Grunde die einzige Energiequelle ist, die Strom flexibel nach Bedarf erzeugen und Schwankungen bei der Energie aus Sonne oder Wind ausgleichen kann.

Kurz gesagt: Gas ist ein strategischer Rohstoff erster Ordnung.

Brüssel hat sich kopflos in die Arme Amerikas geworfen

Die Abhängigkeit Europas von russischem Gas gehört seit Monaten der Vergangenheit an. Im vergangenen Jahr stammten nur noch 13 Prozent des europäischen Bedarfs aus Russland. Mit einem Anteil von rund einem Viertel wurden die Vereinigten Staaten zum wichtigsten Lieferanten. Brüssel hat vergleichsweise leichtfertig auf sie gesetzt – angesichts der heutigen Beziehungen zum Weißen Haus wird das besonders deutlich.

Das Ergebnis der viel diskutierten Diversifizierung der Gaslieferungen nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine ist im Kern ein Übergang von einer Abhängigkeit zur anderen: von einer schwächeren Großmacht zu einer stärkeren.

Nun, da jeden Monat mehr Schiffe mit amerikanischem LNG eintreffen, wird zunehmend diskutiert, wie der Kontinent damit umgehen soll. Vor allem, weil in den kommenden 20 Monaten infolge einer politischen Entscheidung auch die verbleibenden fast 40 Milliarden Kubikmeter Gas aus Russland wegfallen werden.

Das Angebot wächst, aber auch die Nachfrage

Auf dem Markt ist ausreichend Gas verfügbar. Das globale Angebot wächst relativ schnell – im vergangenen Jahr um sieben Prozent, in diesem Jahr laut Internationaler Energieagentur sogar noch etwas stärker.

Zu dem Wachstum sollen in den kommenden Jahren vor allem Katar, die Vereinigten Staaten und Kanada mit zusätzlicher Produktion beitragen, wobei das dort geförderte Gas überwiegend für den Export bestimmt ist. China hingegen erhöht die Förderung in erster Linie für den heimischen Bedarf. Und obwohl Prognosen auch von einer steigenden weltweiten Nachfrage nach Gas ausgehen – insbesondere in Asien und Afrika –, dürfte das Tempo etwas geringer ausfallen. Die Schätzungen liegen für dieses Jahr bei rund zwei Prozent. Bis 2030 könnte die Nachfrage um knapp zehn Prozent zunehmen.

Daher dürfte sich in naher Zukunft ein leichtes Überangebot am Markt ergeben.

Theoretisch hätte Europa damit eine gewisse Möglichkeit, die verbleibenden Lieferungen aus Russland zu ersetzen, ohne zusätzlich amerikanisches Gas beziehen zu müssen. Auch mit Blick auf die Preise wäre das positiv, da sie niedrig bleiben dürften, sofern sich die Marktbedingungen nicht wesentlich verändern.

In der Praxis ist die Lage jedoch deutlich komplexer als in der Theorie.

Nordafrika kann Europas Bedarf kaum decken

Brüssel hat inzwischen einen Teil der globalen Lieferanten ausgeschlossen, darunter Iran und Russland. Wenn nun auch EU-Energiekommissar Dan Jørgensen davon spricht, perspektivisch weniger amerikanisches LNG zu beziehen, bleibt nur eine kleine Zahl von Staaten, die ihre Lieferungen nach Europa deutlich erhöhen könnten.

Einige Milliarden Kubikmeter pro Jahr könnten theoretisch aus Aserbaidschan kommen – damit rechnet Europa bereits. Im vergangenen Jahr kaufte die EU dort 12,8 Milliarden Kubikmeter Gas. Beide Seiten hatten zuvor vereinbart, die Lieferungen bis 2027 auf 20 Milliarden zu steigern.

Die Lage wird jedoch durch unzureichende Pipelinekapazitäten sowie begrenzte Förderprojekte erschwert, in die Aserbaidschan erst investieren muss. Das Portal Eurasianet berichtet, dass das Land nach aktuellen Daten nicht nur Schwierigkeiten haben könnte, seine Verpflichtungen gegenüber der EU zu erfüllen, sondern auch genügend Gas zur Deckung der rasch wachsenden Binnennachfrage bereitzustellen.

Auch Algerien, das rund 15 Prozent des europäischen Bedarfs deckt, gilt kaum als Lösung. Zwar verfolgt das Land ehrgeizige Pläne, die Produktion in den kommenden Jahren um bis zu 60 Milliarden Kubikmeter zu steigern, doch handelt es sich dabei vor allem um politische Zielmarken. Analysten erwarten keinen Exportboom, sondern eher moderate jährliche Zuwächse im Milliardenbereich. Gründe sind die stark steigende Inlandsnachfrage, alternde Lagerstätten mit hohem Investitionsbedarf sowie begrenzte Exportkapazitäten.

Ähnlich verhält es sich mit Gas aus Nigeria, das künftig über die Transsahara-Pipeline nach Algerien und weiter nach Europa fließen könnte. Allerdings fehlen noch fast 2.000 Kilometer Leitungen – vorerst bleibt das also Zukunftsmusik.

Zwar erhöht das Land seine Gasförderung, die innerhalb von zwei Jahren um rund elf Milliarden Kubikmeter pro Jahr steigen soll, und baut zugleich die Kapazitäten der LNG-Terminals aus. Doch etwa 40 Prozent der neuen Produktion sind für die heimische Industrie vorgesehen. Zudem ist Europa nicht der einzige Absatzmarkt: Nigeria beliefert auch Kunden in Indien und China.

Katar und Kanada – Hoffnungsträger mit Risiken

Die europäischen Entscheidungsträger gingen lange davon aus, dass russisches Gas vor allem durch Lieferungen aus den Vereinigten Staaten und Katar ersetzt werden würde. Sollte Amerika als zentraler Partner an Bedeutung verlieren, bliebe vor allem Katar. Laut EU-Energiekommissar Dan Jørgensen gelten Katar und Kanada als bevorzugte Kandidaten für eine weitere Diversifizierung.

Kanada will Produktion und Export in den kommenden Jahren deutlich steigern – bis 2029 um rund 30 Milliarden Kubikmeter. Zudem plant das Land, einen Teil seiner bisherigen Lieferungen aus dem faktisch einzigen großen Abnehmer, den USA, umzulenken. Der entscheidende Nachteil liegt jedoch in der Infrastruktur: LNG-Terminals befinden sich ausschließlich an der Westküste. Dass kanadisches Gas tatsächlich in größerem Umfang nach Europa gelangt, gilt daher als wenig wahrscheinlich.

Mit den Worten des Chefs des Slowakischen Gas- und Ölverbands, Richard Kvasňovský: „Kanada hat derzeit nicht das Potenzial, einen wesentlichen Einfluss auf die Lieferungen an die EU zu nehmen. Die LNG-Terminals sind eher für den asiatischen Markt bestimmt.“

Diskutiert wird allerdings ein sogenannter Swap-Mechanismus. Kanada könnte etwa einen Vertrag mit Deutschland schließen und ihn erfüllen, indem es Gas aus Katar oder den USA einkauft und formal weiterliefert. Die eigenen physischen LNG-Lieferungen würden dann in jene Regionen gehen, die ursprünglich amerikanisches oder katarisches Gas erhalten sollten, etwa nach Asien.

Falls Europa jedoch weniger abhängig von tatsächlichen Lieferungen aus den USA werden will, bleibt die Zahl möglicher Partner für solche Swap-Geschäfte begrenzt, auch wenn das Modell grundsätzlich praktikabel erscheint.

Katar, bereits heute ein wichtiger Lieferant, ist ebenfalls nicht frei von Risiken. Europa bezieht derzeit rund 13 Milliarden Kubikmeter pro Jahr aus dem Emirat, etwa vier Prozent seines Bedarfs. Gemeinsam mit den USA soll das Land eine zentrale Rolle beim Ersatz russischer Mengen spielen.

Die Produktionskapazitäten Katars dürften in den kommenden Jahren schneller wachsen als die jedes anderen Anbieters. Bis 2030 plant das Land eine Ausweitung von derzeit rund 106 auf nahezu 200 Milliarden Kubikmeter.

Obwohl Katar traditionell stärker auf Asien ausgerichtet ist, wurden in den vergangenen Jahren langfristige Verträge mit europäischen Staaten geschlossen, die Anfang dieses Jahres in Kraft traten. Beobachter erwarten, dass sich die Lieferungen nach Europa bis 2028 etwa verdoppeln.

Die Achillesferse bleibt jedoch die Transportroute: Das Gas muss den Persischen Golf durchqueren, wobei der einzige Seeweg über die Straße von Hormus führt, die unter maßgeblichem Einfluss Irans steht.

Kommt es im Nahen Osten zu einem Krieg oder einer schweren Eskalation und damit zu einer Blockade, hätte das drastische Auswirkungen auf die Preise. Sollte Europa dann bereits stark von Katar abhängig sein, würde nicht nur ein Preisschock drohen, sondern auch eine reale Gasknappheit.