Trumps Energiepoker verschärft Europas Dilemma

Die EU sucht neue Handelspartner und Energiequellen, um Abhängigkeiten zu verringern. Gleichzeitig senden die Vereinigten Staaten widersprüchliche Signale, die Europas strategische Planung erschweren.

Strategische Energiewege rücken angesichts geopolitischer Spannungen ins Zentrum europäischer Politik. Foto: Robert Nemeti/Getty Images/AI

Strategische Energiewege rücken angesichts geopolitischer Spannungen ins Zentrum europäischer Politik. Foto: Robert Nemeti/Getty Images/AI

Brüssel. Die Befragten des Weltwirtschaftsforums (WEF) haben sich offenbar nicht geirrt. Als größte Bedrohung für die Menschheit gilt in den kommenden zehn Jahren ein „geoökonomischer“ Konflikt. Gemeint ist, dass Staaten mit Großmachtambitionen statt offener Kriege zunehmend zu Energie-, Handels- oder Finanzkonflikten greifen könnten.

Zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union wäre ein solcher Konflikt beinahe ausgebrochen. Bereits im April vergangenen Jahres verfolgte Präsident Donald Trump eine aggressive Zollpolitik und äußerte später auch Drohungen gegenüber Grönland, einer autonomen Insel Dänemarks.

Die Feindseligkeit auf beiden Seiten des Atlantiks ist noch nicht vollständig abgeklungen, obwohl beide Seiten am 27. Juli 2025 einem Handelsabkommen zugestimmt haben.

Das Europäische Parlament setzte Ende Januar das Verfahren zur Annahme des Handelsabkommens aus, nachdem US-Präsident Donald Trump europäischen Staaten im Streit um Grönland mit Strafzöllen gedroht hatte. Unter solchen Umständen sei die Umsetzung "nicht möglich" gewesen, sagte Manfred Weber, Vorsitzender der Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP).

Einige Stunden später erklärte Trump, mit den europäischen Partnern sei eine Einigung über ein Abkommen zur Sicherheit in der Arktis erzielt worden, dabei hätten die Vereinigten Staaten „alles erreicht, was sie wollten“. Die Strafzölle, die am 1. Februar in Kraft treten sollten, wurden daraufhin zurückgenommen. Anfang Februar nahm das Europäische Parlament das ausgesetzte Verfahren zum Handelsabkommen wieder auf.

Europas neue Handelspartner

Obwohl die Beziehungen zu den USA nicht auf dem Nullpunkt geblieben sind, wendet sich die EU aus Gründen der Sicherung ihres Wohlstands und zur Verringerung einseitiger Abhängigkeiten verstärkt anderen Weltregionen zu. Das muss sie auch.

Unter massiven Protesten französischer und polnischer Landwirte unterzeichnete Brüssel ein Abkommen mit der südamerikanischen Handelsunion Mercosur, das den europäischen Markt für vier Staaten öffnen soll: Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay.

Ziel des Abkommens, auf dessen Abschluss Brüssel und die Mercosur-Staaten 25 Jahre gewartet haben, ist die Schaffung eines gemeinsamen Marktes mit rund 700 Millionen Verbrauchern auf zwei Kontinenten.

Nach Ansicht der protestierenden Landwirte geht das Abkommen zulasten der europäischen Landwirtschaft. Sie befürchten stärkere Konkurrenz durch günstigere Importe. Die EU betont, dass nur Produkte auf den europäischen Markt gelangen sollen, die den geltenden Standards entsprechen. Getreide und Fleisch werden an den Grenzen kontrolliert, niedrigere Einfuhrzölle gelten nur für begrenzte Mengen. Zudem ist der Import wichtiger Agrarprodukte durch Quoten beschränkt.

Eine Woche nach dem grünen Licht für Mercosur reiste die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, in die indische Hauptstadt Neu-Delhi, um die „Mutter aller Abkommen“ zu unterzeichnen – ein Deal, der nach Angaben von Indiens Premierminister Narendra Modi ein Viertel des weltweiten BIP ausmachen werde.

Das Abkommen zwischen Europa und Indien betrifft nicht nur Zölle. Es sieht unter anderem eine spezielle Mobilitätsklausel vor, die „Studenten, Forschern, Saisonarbeitern und hochqualifizierten Arbeitskräften“ die Migration nach Europa erleichtert. Brüssel plant zudem, in Indien ein erstes Migrationsbüro mit dem Namen EU Legal Gateway Office zu eröffnen.

Gas bleibt Europas Schwachstelle

Eines der drängendsten Probleme hat die Europäische Union jedoch noch nicht gelöst: Seit Jahren sucht sie nach Alternativen zu fossilen Brennstoffen und anderen Rohstoffen aus Russland. Besonders schwierig bleibt die Lage beim Gas.

Russische Lieferungen sollten nach dem Plan durch amerikanisches Flüssiggas ersetzt werden. Das ist in den vergangenen Jahren auch weitgehend geschehen.

Damit sind jedoch mehrere Probleme verbunden. Aufgrund der aufwendigen Logistik ist Flüssiggas teurer, außerdem könnte ein US-Präsident diesen Hebel ähnlich wie Russland politisch nutzen und Druck auf Europa ausüben.

Für Europa erweist es sich inzwischen als Nachteil, die Abhängigkeit von russischem Gas reduziert zu haben und zugleich eigene Förderprojekte kaum voranzutreiben. Mit der wachsenden Abhängigkeit von den USA könnte das die Energiesicherheit schwächen.

Paradoxerweise waren es die Vereinigten Staaten, die unter europäischen Regierungen eine kritische Haltung gegenüber russischen Energielieferungen förderten. Washington betrachtet Russland seit Langem als strategischen Gegner und kritisierte die europäischen NATO-Verbündeten wiederholt für ihre energiepolitische Nähe zu Moskau. Besonders Deutschland geriet wegen der Nord-Stream-Pipelines ins Visier, auch weil Polen und die baltischen Staaten als Transitländer umgangen wurden.

US-Präsident Joe Biden drohte Anfang Februar 2022, es werde „kein Nord Stream 2 geben“, sollte Russland die Ukraine angreifen. Im September desselben Jahres wurden die Gaspipelines in der Ostsee durch Explosionen zerstört. Mehrere Verdächtige wurden inzwischen festgenommen, eine endgültige Klärung der Verantwortlichkeit steht jedoch weiterhin aus.

Trumps Kurs beim russischen Gas

Bidens Nachfolger Donald Trump, der im Januar vergangenen Jahres ins Weiße Haus zurückkehrte, hat seine Haltung gegenüber russischem Gas offenbar geändert. Im Dezember 2025 brachte er nach vorliegenden Informationen ins Spiel, die Rückkehr russischer Energieträger nach Europa könne Teil eines Friedensabkommens zwischen der Ukraine und Russland werden.

Obwohl russische Energielieferungen kurz darauf im Januar dieses Jahres von den Mitgliedstaaten mit qualifizierter Mehrheit vollständig verboten wurden und die letzten Lieferungen bis zum 1. November 2027 eingestellt werden müssen, erscheint eine Rückkehr im Falle eines Friedensschlusses nicht ausgeschlossen. Vor allem dann, wenn Trump weiter darauf drängen sollte, um eine Annäherung zwischen Russland und China zu begrenzen und die Beziehungen zu Moskau neu zu ordnen.

Unterstützung findet die Idee nicht nur in Ungarn oder der Slowakei, sondern auch in Teilen Norddeutschlands. Entsprechende Spekulationen haben im vergangenen Jahr an Dynamik gewonnen.

Gleichzeitig stehen einer Rückkehr russischen Gases erhebliche wirtschaftliche Interessen entgegen. Bereits während der Verhandlungen über das Handelsabkommen mit der Europäischen Union drängte Trump auf höhere europäische Flüssiggasimporte aus den USA. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte ihm im Sommer in Schottland unter Druck zu, dass die Mitgliedstaaten ihre LNG-Bezüge weiter erhöhen würden. Europa deckte zu diesem Zeitpunkt bereits rund ein Fünftel seines Bedarfs durch Lieferungen aus Übersee – ein Geschäft, von dem die Vereinigten Staaten erheblich profitieren.

Die Rückkehr größerer Mengen russischen Gases hingegen würde vermutlich zu sinkenden Preisen führen und damit einem von Trumps zentralen Wahlkampfthemen entgegenkommen: niedrigeren Energiekosten.

Welches Ziel Trump tatsächlich verfolgt, lässt sich derzeit nicht eindeutig sagen. Entscheidend dürfte sein, ob strategische und politische Erwägungen überwiegen oder wirtschaftliche Interessen und das Lobbying der Energiekonzerne.

Experten zufolge könnten US-Anbieter ihre LNG-Lieferungen bei Bedarf relativ leicht nach Asien umlenken, wo die Nachfrage hoch ist. Russisches Gas wäre damit womöglich nicht dauerhaft vom europäischen Markt verschwunden.