Gas verstehen und gezielt investieren: Drei Wege für Anleger

Gas ist eine Wette auf Wetter, Logistik und Marktpsychologie. Ein milder Winter genügt, und die Preise können kippen.

Der Gasmarkt gilt als einer der komplexesten Rohstoffmärkte weltweit. Foto: Archivio Cameraphoto Epoche/Getty Images

Der Gasmarkt gilt als einer der komplexesten Rohstoffmärkte weltweit. Foto: Archivio Cameraphoto Epoche/Getty Images

New York. In Aktien zu investieren ist im Kern demokratisch. Die meisten Menschen brauchen keinen Doktortitel in Finanzwissenschaften, um Anteile an einem Unternehmen zu kaufen, das sie zumindest grob verstehen. Anleger können sich auf eigene Erfahrungen, ihren Beruf oder Produkte stützen, die sie täglich nutzen.

Wer in der Automobilindustrie arbeitet, kann sich leicht eine Meinung über einen Hersteller bilden, dessen Modelle sich gut verkaufen. Wer seit langem von einer bestimmten Software abhängig ist, beginnt zwangsläufig, über das Unternehmen nachzudenken, das sie entwickelt. Aktien haben einen großen Vorteil: Auch wenn nicht alle Details bekannt sind, bleibt die Grundgeschichte klar. Das Unternehmen produziert etwas, verkauft es und verdient im besten Fall Geld damit.

Bei Rohstoffen entfällt dieser Komfort. Ein Rohstoff ist kein Unternehmen: Er hat kein Management, keinen Cashflow und keine Produktstrategie. Es gibt keine Pressekonferenzen, auf denen Vorstandschefs den bisherigen Geschäftsverlauf oder die Zukunftsaussichten kommentieren.

Ein Rohstoff ist ein physisches Gut, eingebettet in Logistik, Lagerung, Wetter, Geopolitik und häufig auch Regulierung. Um eine Ware zu verstehen, muss man nachvollziehen, wie sie tatsächlich von A nach B gelangt und was auf dem Weg alles schiefgehen kann.

Gas ist kein Öl

Bei Öl und Gold ist die Einstiegshürde geringer, vor allem weil es sich um die bekanntesten und liquidesten Rohstoffmärkte der Welt handelt. Erdöl verfügt über eine globale Infrastruktur und steht permanent im Fokus, Gold gilt als Inbegriff des sicheren Hafens. Zu beiden Rohstoffen findet sich im Internet eine Vielzahl an Kommentaren und Analysen. So können sich Anleger schnell für oder gegen ein Investment entscheiden.

Bei Gas verhält es sich anders. Der Markt ist stark saisonabhängig und hängt von Speichern und Transportkapazitäten ab. Der Preis kann sich in kurzer Zeit so deutlich verändern, dass eine Investition rasch zu einer Lektion in Physik und Risikomanagement wird. Gerade deshalb gilt Gas trotz der scheinbar einfachen Frage, ob es teurer oder billiger wird, oft als Königsdisziplin unter den Rohstoffinvestments.

Futures, keine physische Ware

Eine wichtige Information, die für Einsteiger in der Geldanlage überraschend sein kann: An den Rohstoffbörsen werden in der Regel keine physischen Güter gehandelt, sondern vor allem Terminkontrakte für deren zukünftige Lieferung.

Die Kontrakte werden zwar in bekannten Einheiten wie Barrel Öl, Unze Gold oder Megawattstunde Gas angegeben, doch das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass kein unmittelbarer Kauf einer physischen Ware erfolgt. Ein Futures-Kontrakt ist ein Finanzvertrag, der Preis und Liefertermin festlegt.

Die meisten Anleger nehmen jedoch keine physische Lieferung in Anspruch, sondern schließen die Position vor Fälligkeit oder rollen sie in einen späteren Kontrakt weiter.

Die erste Schwierigkeit für Anleger im Gasmarkt besteht darin, dass es keinen einheitlichen globalen Markt gibt. Gas wird an mehreren regionalen Knotenpunkten gehandelt, die lokales Angebot, Nachfrage, Infrastruktur und politische Rahmenbedingungen widerspiegeln.

Die drei wichtigsten Benchmarks sind TTF in Europa, Henry Hub in den USA und JKM in Asien. Die Preise können je nach aktuellen Bedingungen deutlich voneinander abweichen.

Langfristig nähern sich die Preise tendenziell an. Besonders bedeutend ist der amerikanische Markt, auf dem Gas in Dollar und MMBtu (Million British Thermal Units) gehandelt wird – eine vor allem in den USA gebräuchliche Energieeinheit.

Der Markt ist sehr liquide, da die USA zu den größten Erdgasproduzenten der Welt zählen. Er hängt in erster Linie vom Wetter in Nordamerika ab. Geopolitische Risiken wirken sich meist weniger stark aus als etwa auf den europäischen Markt. Zudem fallen die Transportkosten geringer aus. Das trägt zu vergleichsweise stabileren Preisen bei.

Der TTF-Benchmark bildet den Preis an einem virtuellen Handelspunkt in den Niederlanden ab. Er wird in Euro notiert, wodurch ein zusätzliches Währungsrisiko entstehen kann. Als Einheit dient die Megawattstunde. Der Preis hängt von zahlreichen Faktoren ab, insbesondere vom Füllstand der europäischen Speicher, der Heiznachfrage im Winter, LNG-Importen, geopolitischen Risiken, regulatorischen Vorgaben und der Emissionspolitik der Europäischen Union. Anleger stehen daher vor der grundlegenden Frage, ob sie den stabileren US-Markt bevorzugen oder auf den deutlich volatileren europäischen Markt setzen.

Das Wetter als größte Variable

Die größte Herausforderung beim Handel mit Gas ist das Wetter. In der Grundgleichung wirkt zunächst alles einfach: Je kälter der Winter, desto höher der Gasverbrauch, während ein milder Winter die Nachfrage dämpft. Bei Gas reicht es jedoch nicht aus, nur auf das Thermometer zu schauen. An der Börse wird kein physisches Gas gehandelt, sondern Kontrakte für zukünftige Lieferungen.

Im Februar werden beispielsweise meist Kontrakte mit Lieferung Ende März gehandelt. In deren Preis sind bereits Erwartungen eingepreist – etwa wie das Ende der Heizperiode ausfallen könnte, wie schnell die Speicher sinken und ob Vorräte für den nächsten Winter aufgebaut werden müssen. Der Preis reagiert daher nicht nur auf aktuellen Frost, sondern vor allem darauf, wie der Markt den weiteren Saisonverlauf einschätzt.

Mit anderen Worten: Entscheidend ist nicht, ob es heute kalt ist, sondern ob der Winter stärker oder schwächer ausfällt als erwartet. Das Wetter ist ein zentraler Faktor der Preisbildung, aber keineswegs der einzige. Ebenso wichtig sind die Speicherkapazitäten sowie das Verhältnis zwischen aktuellem Preis und den Notierungen späterer Kontrakte – also die sogenannte Storage- und Carry-Logik. Sie entscheidet darüber, ob das Weiterrollen einer Position dem Anleger Gewinn oder Verlust bringt.

Darüber hinaus wird Gas über Kontrakte mit hohem Nominalwert und erheblicher Volatilität gehandelt, sodass selbst kleine Preisbewegungen spürbare Auswirkungen haben können. Da es sich zudem um einen strategischen Rohstoff handelt, unterliegt der europäische Markt für Gasderivate regulatorischen Vorgaben. Der Handel mit Gas ist daher weder für Einsteiger noch für weniger erfahrene Anleger geeignet.

Wie man investiert

Wenn sich ein Anleger von der Komplexität des Gasmarktes nicht abschrecken lässt, gibt es grundsätzlich drei Möglichkeiten, in diese Rohstoffklasse zu investieren.

Die erste Möglichkeit ist der direkte Kauf von Terminkontrakten. Angesichts der Größe der Kontrakte erfordert das jedoch entweder erhebliches Startkapital oder den Einsatz von Hebelwirkung. Gerade der Hebel vervielfacht das Risiko, da bereits relativ geringe Preisbewegungen zu erheblichen Verlusten führen können. Der Weg eignet sich daher eher für erfahrene Marktteilnehmer, die den Markt systematisch beobachten und über ein klar definiertes Risikomanagement verfügen.

Die zweite Möglichkeit ist der Kauf von ETFs oder ETCs, die Futures-Kontrakte enthalten. Das erforderliche Kapital fällt deutlich geringer aus, häufig reichen bereits ein paar hundert bis einige tausend Euro. Die Bequemlichkeit eines börsengehandelten Produkts beseitigt jedoch nicht die Risiken, die mit dem Rollover von Kontrakten verbunden sind. Befindet sich der Markt im Contango [der Preis eines Terminkontrakts liegt über dem aktuellen Spotpreis des Basiswerts, Anm. d. Red.], kann das Weiterrollen die Rendite systematisch schmälern. Darüber hinaus sollten Anleger Verwaltungsgebühren berücksichtigen und genau prüfen, welchen Benchmark das jeweilige Produkt abbildet.

Der dritte und für die meisten Anleger zugänglichste Weg ist der Kauf von Aktien von Unternehmen aus dem Gassektor. Dabei kann es sich um Produzenten wie EQT Corporation oder Chesapeake Energy handeln, um integrierte Energiekonzerne wie Shell mit bedeutendem LNG-Geschäft oder um Infrastrukturbetreiber wie Kinder Morgan, Enbridge oder Snam.

Eine weitere Gruppe bilden Unternehmen, die sich auf Verarbeitung und Export von LNG konzentrieren, etwa Cheniere Energy, Golar LNG oder Excelerate Energy.

Der Vorteil solcher Unternehmen liegt darin, dass dort Spezialisten arbeiten, deren tägliche Aufgabe die Analyse des Gasmarktes ist – etwas, das privaten Anlegern nur begrenzt möglich ist. Viele zahlen zudem Dividenden. Auch wenn die Aktienkurse nicht so unmittelbar auf den Gaspreis reagieren wie Futures, schlagen sich höhere Rohstoffpreise langfristig meist in besseren Geschäftsergebnissen und einer größeren Fähigkeit zur Gewinnausschüttung nieder.

In gewisser Weise können Aktien von Gasunternehmen daher auch als eine Art Absicherung dienen. Steigen die Heizkosten für Haushalte, profitieren Energieunternehmen häufig zugleich von höheren Gaspreisen. Es handelt sich nicht um eine perfekte Absicherung, sondern um eine pragmatische Möglichkeit, steigende Energiekosten zumindest teilweise mit dem eigenen Anlageportfolio auszugleichen.