Wien. Die Grünen wollen in Österreich einen Industriestrompreis nach deutschem Vorbild einführen. Vorgesehen ist ein staatlich garantierter Strompreis von fünf Cent pro Kilowattstunde für energieintensive Betriebe. Der Vorschlag wird als industriepolitische Notmaßnahme präsentiert, als Antwort auf steigende Energiekosten, schwindende Wettbewerbsfähigkeit und drohende Standortverluste. Doch bei genauer Betrachtung zeigt sich: Das deutsche Modell ist weder eingeführt noch finanziell abgesichert, seine ökonomische Logik ist fragwürdig, und seine Wirkung auf Investitionsentscheidungen bleibt äußerst begrenzt.
Der Vorstoß kommt von der grünen Klubobfrau Leonore Gewessler. Sie begründet die Forderung mit der internationalen Wettbewerbs-Situation und warnt vor einer schleichenden Deindustrialisierung. „Für die heimischen Betriebe wird es immer schwieriger, sich am internationalen Markt wettbewerbsfähig zu behaupten, und das gefährdet am Ende Jobs und Unternehmen in Österreich“, so die ehemalige Klimaminsterin. Ein Industriestrompreis sei notwendig, um „faire Wettbewerbsbedingungen“ herzustellen und Investitionen im Land zu halten.
Nach Darstellung der Grünen zahlen österreichische Industriebetriebe derzeit häufig zwischen zehn und fünfzehn Cent pro Kilowattstunde. Der vorgeschlagene Industriestrompreis von fünf Cent würde die Differenz zwischen diesem Marktniveau und dem politisch definierten Zielpreis durch staatliche Zuschüsse abdecken. Die Kosten dafür beziffert die Partei selbst mit rund 400 Millionen Euro pro Jahr. Finanziert werden soll das Modell durch den Abbau sogenannter klimaschädlicher Subventionen, insbesondere durch die Abschaffung des Diesel- und Dienstwagenprivilegs.
Als Referenz dient ausdrücklich Deutschland. Dort wird seit 2023 über einen Industriestrompreis diskutiert, der energieintensive Branchen entlasten soll. Dass dieses Modell bis heute nicht umgesetzt ist, wird von den Grünen nicht als Gegenargument gesehen, sondern als Beleg für politischen Handlungsbedarf. Doch genau an dieser Stelle beginnt die analytische Schwäche der Argumentation.
Deutschland: Subvention statt Strukturreform
In Deutschland ist ein Industriestrompreis von fünf bis sechs Cent pro Kilowattstunde geplant, begrenzt auf einen Teil des Stromverbrauchs und befristet auf mehrere Jahre. Zielgruppe sind besonders stromintensive Branchen wie Chemie, Stahl, Aluminium, Papier und Grundstoffindustrie. Nach internen Planungen hätten nur rund 2.000 Unternehmen Anspruch auf diese Förderung, bei mehr als zwei Millionen Unternehmen insgesamt. Bereits diese Auswahl wirft erhebliche wettbewerbspolitische Fragen auf.
Die fiskalischen Dimensionen sind enorm. Je nach Ausgestaltung werden für mehrere Jahre Gesamtkosten zwischen 25 und 30 Milliarden Euro genannt. Für einzelne Jahre kursierten Beträge von bis zu acht Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der gesamte deutsche Bundeshaushalt für Wirtschaft und Klimaschutz lag 2024 bei rund 56 Milliarden Euro. Ein Industriestrompreis würde damit einen erheblichen Teil dieses Budgets binden, ohne dass klar ist, wie lange die Subvention aufrechterhalten werden kann - oder ob und wem sie nutzt.
Bis heute ist die Finanzierung nicht abschließend geklärt. Teile sollen aus bestehenden Klima- und Transformationsfonds kommen, andere aus dem regulären Haushalt. Dieser steht jedoch unter massivem Druck: Schuldenbremse, Sondervermögen, steigende Zinsausgaben und strukturelle Defizite lassen kaum Spielraum für dauerhaft neue Subventionstatbestände. Schon jetzt wird in Berlin offen darüber diskutiert, ob der Industriestrompreis europarechtlich genehmigungsfähig und fiskalisch durchhaltbar ist.
Parallel dazu steht auch in Österreich eine energiepolitische Weichenstellung unmittelbar bevor. Bereits am Mittwoch will die Bundesregierung die seit Monaten angekündigte Industriestrategie präsentieren. Offen ist dabei vor allem, ob bis dahin eine klare Position zum deutschen Industriestrompreis gefunden wird. Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) erklärte im ORF, dass an einer längerfristigen Strompreissenkung für die Industrie ab dem Jahr 2027 gearbeitet werde, „möglichst auf deutsches Niveau“. Zugleich machte Marterbauer klar, dass eine solche Maßnahme nur mit einer tragfähigen Gegenfinanzierung umsetzbar sei. Seine Vorschläge dazu wolle er in die Klausur der Regierungsspitze am Dienstag einbringen.
Damit rückt erstmals auch auf Regierungsebene ein konkreter Zeithorizont in den Fokus. Das deutsche Industriestrompreis-Modell sieht vor, energieintensiven Unternehmen für die Hälfte ihres Stromverbrauchs einen garantierten Preis von 50 Euro je Megawattstunde zu gewähren, also fünf Cent pro Kilowattstunde. Geplant ist diese Förderung für die Jahre 2027 bis 2029. Erst kürzlich hat die Europäische Union zudem ermöglicht, Industriestrompreis und Stromkostenausgleich kombiniert, aber nicht addiert, in Anspruch zu nehmen. Auch das unterstreicht, dass es sich um ein zeitlich und regulatorisch eng begrenztes Instrument handelt – nicht um eine strukturelle Lösung.
Keine Strukturmaßnahme sondern Zementierung falscher Energiepolitik
Ökonomisch ist das Modell ebenfalls problematisch. Der Industriestrompreis senkt nicht die Kosten der Stromerzeugung. Er verändert weder das Angebot noch die strukturellen Rahmenbedingungen des Energiemarkts. Er überbrückt lediglich die Differenz zwischen Marktpreis und politisch festgelegtem Zielpreis. Der durchschnittliche Großhandelsstrompreis lag in Deutschland 2024 trotz Entspannung nach der Energiekrise weiterhin bei etwa neun bis elf Cent pro Kilowattstunde. Im Krisenjahr 2022 waren es zeitweise über zwanzig Cent. Der Staat würde also dauerhaft mehrere Cent pro Kilowattstunde zuschießen, ohne die Ursachen hoher Preise zu beseitigen.
Selbst Befürworter räumen diese Schwäche ein. Der Präsident der Industriellenvereinigung Georg Knill sagte: „Ein Industriestrompreis kann kurzfristig helfen, aber er kann nur eine zeitlich befristete Übergangslösung sein.“ Entscheidend seien langfristige Faktoren wie Netzkosten, Abgaben, Versorgungssicherheit und Investitionsstabilität. Diese Faktoren werden durch einen subventionierten Preis nicht verbessert.

Deindustrialisierung trotz politischer Versprechen
Dass ein Industriestrompreis keine Investitionsgarantie ist, zeigt die Entwicklung in Deutschland bereits jetzt. Trotz monatelanger politischer Debatten über Entlastungsmodelle haben zahlreiche große Industrieunternehmen ihre Investitionsstrategien angepasst. Chemiekonzerne investieren verstärkt in den USA, wo industrielle Strompreise je nach Region dauerhaft bei drei bis fünf Cent pro Kilowattstunde liegen und langfristig abgesichert sind. Auch in Asien entstehen neue Kapazitäten, während europäische Standorte zurückgefahren werden.
In der deutschen Chemieindustrie sank die Produktionsmenge zwischen 2021 und 2024 real um mehr als zehn Prozent. In der Stahlindustrie wurden Hochöfen zeitweise stillgelegt, Aluminiumhütten ganz geschlossen. Allein in den Jahren 2023 und 2024 gingen mehrere Terawattstunden industrieller Stromnachfrage dauerhaft verloren. Das ist kein konjunkturelles Phänomen, sondern ein strukturelles Signal.
Der entscheidende Faktor ist dabei nicht der kurzfristige Strompreis, sondern die langfristige Verlässlichkeit des Energiesystems. Industrieinvestitionen haben Planungshorizonte von fünfzehn bis dreißig Jahren. Ein staatlich garantierter Strompreis für drei oder fünf Jahre bietet dafür keine tragfähige Grundlage. Er bleibt abhängig von Haushaltslagen, politischen Mehrheiten und europarechtlichen Genehmigungen. Für Investoren ist das kein belastbares Signal, sondern ein politisches Provisorium.
Hinzu kommt die Verteilungswirkung. Ein Industriestrompreis verlagert Kosten vom Markt in den Staatshaushalt. Er entlastet einzelne Unternehmen, ohne die Systemkosten zu senken. In Deutschland zeigt sich das deutlich: Trotz zahlreicher Entlastungsinstrumente zählen die Haushaltsstrompreise weiterhin zu den höchsten Europas. 2024 lagen sie inklusive Steuern und Abgaben bei über vierzig Cent pro Kilowattstunde. Die Industrie wird subventioniert, während Haushalte und Mittelstand die strukturellen Kosten tragen.
Der Kern des Problems: falscher Ansatz
Unterstützung für das Instrument kommt dennoch aus Teilen der Klimaszene. Die NGO oecolution argumentiert, ein Industriestrompreis sei notwendig, um industrielle Produktion und Klimaziele miteinander zu verbinden. Geschäftsführer Christian Tesch sagte: „Wer die heimische Produktion schwächt, schadet Klima, Wertschöpfung und Beschäftigung zugleich.“ Das Argument ist politisch eingängig, beantwortet aber nicht die Frage, wie lange der Staat diese Rolle übernehmen soll und wie der Übergang in ein marktwirtschaftlich tragfähiges System gelingen kann.
Deutliche Kritik kommt aus der Oppositionin Össterreich zu den Plänen der Grünen. Die FPÖ bezeichnet den Vorschlag als Scheinlösung. Die freiheitlichen Energiesprecher erklärten, „nicht die Gaspreise, sondern die explodierenden CO₂-Kosten treiben die Strompreise nach oben“. Tatsächlich lag der Preis für CO₂-Zertifikate zeitweise bei achtzig bis neunzig Euro pro Tonne. Diese Kosten schlagen direkt auf den Strompreis durch. Ein Industriestrompreis ändert an diesem Mechanismus nichts, sondern überdeckt ihn lediglich mit Steuergeld.
Genau hier liegt der Kern der Debatte. Ein Industriestrompreis ist kein industriepolitisches Konzept, sondern ein Symptom politischer Ratlosigkeit. Er setzt nicht bei den Ursachen hoher Energiepreise an, sondern bei ihren Folgen. Er schafft kurzfristige Entlastung für einige wenige, aber keine strukturelle Perspektive für den Standort insgesamt.
Deutschland ist damit kein Vorbild, sondern ein Warnsignal. Der dort diskutierte Industriestrompreis ist kein Ausdruck strategischer Stärke, sondern der Versuch, die Folgen jahrelanger energiepolitischer Fehlentscheidungen abzufedern. Österreich steht nun vor der Wahl, diesen Weg zu kopieren oder aus den Erfahrungen des Nachbarn zu lernen. Fünf Cent pro Kilowattstunde mögen kurzfristig helfen. Die strukturellen Probleme der europäischen Energiepolitik lösen sie nicht.