Mercosur: Wie der argentinische Bauer Pedro den oberösterreichischen Bauern Franz in die Existenzkrise drückt

Ein argentinischer Rinderzüchter und ein oberösterreichischer Bauer konkurrieren plötzlich auf demselben Markt. Das EU-Mercosur-Abkommen zeigt, mit Zahlen und Fakten, warum ungleiche Regeln zur Existenzfrage für Österreichs Landwirtschaft werden.

Foto: Nicolas Villalobos/picture alliance via Getty Images

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Pedro steht früh auf. Die Sonne hängt noch flach über der argentinischen Pampa, als er den Zaun seiner Rinderkoppel kontrolliert. Es ist ein weiter, offener Landstrich, den seine Familie seit Generationen bewirtschaftet. Rinder, Mais, Soja. Viel Fläche, wenig Bürokratie, niedrige Kosten. Pedro ist kein Großgrundbesitzer im europäischen Sinn, aber er denkt in Dimensionen, die für einen oberösterreichischen Bauern kaum vorstellbar sind.

Zur selben Zeit steigt der oberösterreichische Bauer Franz im Mühlviertel in seine Gummistiefel. Der Stall liegt hinter dem Wohnhaus, der Boden ist feucht, die Luft kühl. Dreißig Milchkühe, etwas Acker, ein paar Hektar Grünland. Der Hof ist gepflegt, modernisiert, hoch verschuldet. Franz arbeitet nach allen Regeln, die die Europäische Union vorgibt: Tierwohl, Dokumentationspflichten, Umweltauflagen, Hygienevorschriften. Er kennt jede seiner Kühe beim Namen – und jede neue Verordnung aus Brüssel ebenso. Zwischen Pedro und Franz liegen fast 12.000 Kilometer. Und doch stehen sie einander näher, als beiden lieb ist. Denn was in Brüssel unter dem Schlagwort EU-Mercosur-Abkommen verhandelt wurde, verbindet ihre Höfe direkter, als es jede Handelsstatistik zeigt.

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Ein Vierteljahrhundert lang wurde an diesem Abkommen gefeilt. Seit 1999 verhandeln die Europäische Union und die Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay über einen gemeinsamen Wirtschaftsraum. Erst 2019 wurde politisch eine Grundsatzeinigung erzielt, seither blockierten nationale Parlamente, Umweltbedenken und Bauernproteste die Ratifizierung. Nun aber liegt ein Paket auf dem Tisch, das einen der größten Freihandelsräume der Welt schaffen würde: mehr als 700 Millionen Menschen, ein gemeinsames Handelsvolumen von über 90 Milliarden Euro jährlich.

Konkret sieht das Abkommen für den Agrarsektor neue Importkontingente vor. Für Rindfleisch sollen bis zu 99.000 Tonnen pro Jahr zu stark reduzierten Zollsätzen in die EU gelangen. Zum Vergleich: Österreich produziert pro Jahr rund 220.000 Tonnen Rindfleisch. Das Mercosur-Kontingent entspricht damit fast der Hälfte der heimischen Jahresproduktion. Hinzu kommen Kontingente von etwa 180.000 Tonnen Geflügelfleisch, rund 180.000 Tonnen Zucker sowie bis zu 650.000 Tonnen Ethanol. In Märkten mit geringen Margen reichen solche Mengen aus, um Preise dauerhaft unter Druck zu setzen.

Für Pedro ist das eine Einladung. In Argentinien liegen die Produktionskosten für ein Kilogramm Rindfleisch je nach Region und Haltungssystem bei umgerechnet drei bis vier Euro. In Österreich kalkulieren Betriebe wie jener von Franz mit Kosten von acht bis zwölf Euro pro Kilogramm. Dieser Abstand erklärt sich nicht allein durch Effizienz, sondern durch strukturelle Unterschiede: niedrigere Landpreise, geringere Löhne, günstigere Energie – und deutlich weniger regulatorische Vorgaben.

Ungleiche Kosten, ungleiche Regeln

Während Franz jede Medikamentengabe dokumentieren muss und zahlreiche Wirkstoffe gar nicht mehr einsetzen darf, sind in Argentinien Substanzen erlaubt, die in der EU seit Jahren verboten sind. Auch beim Pflanzenschutz gelten niedrigere Standards, ebenso bei der Herkunft und Zusammensetzung des Futters. Die EU-Kommission verweist darauf, dass Importware die geltenden Grenzwerte einhalten muss. Eine Gleichwertigkeit der Produktionsbedingungen wird jedoch ausdrücklich nicht verlangt.

Ein Blick nach Irland zeigt, wie stark die Unterschiede selbst innerhalb Europas sind. Irland zählt zu den größten Rindfleischexporteuren der EU und produziert überwiegend grasbasiert. Die Produktionskosten liegen dort im Schnitt bei fünf bis sechs Euro pro Kilogramm – deutlich unter dem österreichischen Niveau, aber weiterhin über den Kosten südamerikanischer Betriebe. Schon heute stehen österreichische Bauern im Wettbewerb mit irischem Rindfleisch. Mercosur wird diese Preisschere weiter öffnen.

Österreichs Landwirtschaft ist dafür besonders anfällig. Mehr als 90 Prozent der Betriebe sind Familienbetriebe, die durchschnittliche Betriebsgröße liegt unter 50 Hektar. Rund zwei Drittel der landwirtschaftlich genutzten Fläche sind Grünland, ein großer Teil davon in Berg- und Voralpenregionen. Skaleneffekte wie in Argentinien oder selbst in Irland sind dort strukturell nicht erreichbar.

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Österreichs Bauern als Verhandlungsmasse

Gleichzeitig ist der Investitionsdruck hoch. Neue Stallauflagen, strengere Tierwohlvorgaben und steigende Energiepreise erhöhen die Fixkosten. Viele Betriebe sind hoch verschuldet. Sinkende Erzeugerpreise treffen sie daher besonders hart. Schon ein Preisrückgang von zehn Prozent kann darüber entscheiden, ob ein Hof kostendeckend arbeitet oder nicht.

Hinzu kommt die Exportabhängigkeit. Rund 65 Prozent der österreichischen Agrarausfuhren gehen in andere EU-Staaten. Dort konkurrieren heimische Produkte bereits heute mit günstigeren Importen. Ein zusätzlicher Preisdruck durch Mercosur wirkt daher doppelt: im Inland und auf den Exportmärkten.

Befürworter des Abkommens argumentieren, dass Europa im Gegenzug besseren Zugang zu südamerikanischen Märkten erhält. Tatsächlich sollen Zölle auf europäische Autos schrittweise von bis zu 35 Prozent fallen, ebenso auf Maschinen, Chemie- und Pharmaprodukte. Für exportorientierte Industrien ist das ein strategischer Vorteil. Die Landwirtschaft wird dabei bewusst als Verhandlungsmasse eingesetzt.

Entscheidung über Existenzen

Schon die Erwartung des Abkommens zeigt Wirkung. Banken vergeben Kredite vorsichtiger, Investitionen werden verschoben, Hofübernahmen aufgeschoben oder ganz aufgegeben. Für Franz stellt sich längst nicht mehr die Frage nach Wachstum. Es geht um die Frage, ob sein Betrieb in zehn Jahren noch existiert.

Pedro wird davon wenig spüren. Sollte sich Europa als Markt verengen, liefert er nach China oder in den Nahen Osten. Franz hingegen hat keine Ausweichmärkte. Sein Betrieb ist an Region, Auflagen und europäische Preisstrukturen gebunden.

So wird aus einem abstrakten Handelsvertrag eine sehr konkrete Realität. Pedro muss Franz nicht persönlich kennen, um ihm das Leben schwer zu machen. Es reicht, dass ihre Produkte auf demselben Markt konkurrieren – unter ungleichen Bedingungen. Das EU-Mercosur-Abkommen ist kein Bauernabkommen, sondern ein industriepolitisches Projekt mit agrarischen Nebenwirkungen. Für Argentinien bedeutet es Devisen und Wachstum. Für Österreichs Bauern bedeutet es Anpassungsdruck – oder Aufgabe.