Kopenhagen/Nuuk. Als in den frühen 1960er-Jahren dänische Beamte und Mediziner begannen, grönländischen Mädchen und Frauen Verhütungsspiralen einzusetzen, geschah das nicht aus medizinischer Notwendigkeit und nicht auf individuellen Wunsch der Betroffenen. Der Hintergrund war nüchtern, technokratisch und politisch: Dänemark wollte das Bevölkerungswachstum in Grönland bremsen. Genau hier liegt der Kern des Spiralen-Skandals – und der Grund, warum er 2026 nicht als abgeschlossen gelten kann, auch wenn die dänische Regierung sich nun in einem historischen Schritt zu einer offiziellen Entschuldigung und Schadenersatzzahlungen entschieden hat. Im April 2026 soll die Bearbeitung der Fälle beginnen. Die Aufarbeitung dieses Skandals fällt in eine Zeit, in der Grönland massiv im Fokus geopolitischer Spannungen steht und Dänemark bemüht ist, die Beziehungen zum Protektorat Grönland zu glätten angesichts der Begehrlichkeiten der USA, das Sagen auf der Insel zu übernehmen.
Grönland befand sich in den 60ern in einer Phase tiefgreifender Umgestaltung. Die Insel war bis 1953 formell Kolonie, wurde danach als gleichberechtigter Teil des Königreichs Dänemark geführt und sollte rasch modernisiert werden. Kopenhagen verfolgte das Ziel, Grönland wirtschaftlich und sozial an den dänischen Wohlfahrtsstaat anzupassen. Diese Modernisierungspolitik umfasste Wohnbauprogramme, Schulreformen, eine Neuordnung des Gesundheitswesens und die Zentralisierung der Verwaltung. Parallel dazu beobachteten dänische Behörden mit wachsender Sorge die demografische Entwicklung.
Die Geburtenrate in Grönland lag deutlich über jener im dänischen Kernland. Besonders hoch war sie bei sehr jungen Frauen. In internen Berichten wurde die Entwicklung als strukturelles Problem beschrieben. Die Argumentation war klar: Ein rasch wachsender Bevölkerungsteil würde den Ausbau von Sozialleistungen, medizinischer Versorgung und Infrastruktur in einem Ausmaß erfordern, das aus Sicht der Verantwortlichen finanziell kaum zu bewältigen sei. Statt die Dynamik politisch auszuhandeln oder strukturell zu begleiten, entschieden sich die zuständigen Stellen für eine direkte Kontrolle der Fruchtbarkeit.
Bevölkerungspolitik statt Medizin
Ab Beginn der 1960er-Jahre wurden Verhütungsspiralen daher als Instrument staatlicher Bevölkerungspolitik eingesetzt. Die Maßnahme war organisiert, systematisch und von zentralen Stellen gebilligt. In vielen Fällen wurden die Spiralen Minderjährigen eingesetzt, oft ohne ausreichende Aufklärung, teilweise ohne jede Einwilligung. Ärztliche Standards, wie sie selbst damals galten, wurden vielfach nicht eingehalten. Die betroffenen Frauen erfuhren häufig erst Jahre später, was mit ihrem Körper geschehen war.
Diese Praxis setzte sich über Jahrzehnte fort. Nach heutigen Erkenntnissen wurden zwischen 1960 und 1991 mehreren tausend grönländischen Frauen und Mädchen Spiralen eingesetzt. Die historische Untersuchung, die Dänemark später in Auftrag gab, bestätigte, dass es sich nicht um vereinzelte medizinische Fehlentscheidungen handelte, sondern um eine staatlich tolerierte, teils aktiv geförderte Praxis. Ziel war stets dasselbe: die Begrenzung der Geburtenzahlen in Grönland.
Öffentlich thematisiert wurde dies lange nicht. In Grönland herrschten Scham, Unsicherheit und mangelndes Wissen. Viele Betroffene wussten nicht einmal, dass sie eine Spirale trugen. Andere litten unter Schmerzen, Infektionen oder Unfruchtbarkeit, ohne die Ursache zu kennen. In Dänemark wiederum galt das Kapitel als erledigt oder wurde kaum wahrgenommen. Erst 2022 änderte sich das.
Damals veröffentlichte der dänische Rundfunk umfangreiche Recherchen, die das Ausmaß der Maßnahmen offenlegten. Erstmals wurde belegt, dass bis zur Hälfte der grönländischen Frauen im gebärfähigen Alter betroffen gewesen sein könnte. Die Berichte führten zu einer breiten öffentlichen Debatte und setzten die dänische Regierung unter Handlungsdruck. Kurz darauf wurde eine unabhängige historische Untersuchung eingesetzt.
Aufarbeitung, Entschuldigung und Entschädigung
Der Abschlussbericht der Untersuchung, veröffentlicht 2024, bestätigte die Vorwürfe in wesentlichen Punkten. Er stellte fest, dass staatliche Stellen Kenntnis von den Eingriffen hatten, dass sie politisch eingebettet waren und dass sie dem Ziel der demografischen Steuerung dienten. Medizinische Erwägungen spielten eine untergeordnete Rolle. Die Verantwortung lag nicht bei einzelnen Ärzten, sondern bei einem System, das die Praxis zuließ.
Im September 2025 folgte die offizielle Entschuldigung der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen in Nuuk. Sie bat die Betroffenen um Verzeihung und sprach von einem schweren Unrecht. Die Entschuldigung war ein politischer Einschnitt, hatte aber zunächst keine rechtlichen Konsequenzen. Diese folgten erst Ende 2025, als das dänische Parlament eine Entschädigungsregelung beschloss.
2026 ist nun das Jahr der Umsetzung. Ab April können Betroffene Anträge stellen, im Laufe des Jahres sollen die ersten Auszahlungen erfolgen. Die Entschädigung ist als einmalige Zahlung konzipiert. Sie soll staatliche Verantwortung anerkennen, nicht das erlittene Leid ausgleichen. Parallel dazu laufen weiterhin einzelne Gerichtsverfahren, in denen zusätzliche gesundheitliche Schäden geltend gemacht werden.
Grönland als politischer Raum
Die aktuelle Aufarbeitung findet nicht im luftleeren Raum statt. Grönland ist heute politisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch von wachsender Bedeutung. Die Vereinigten Staaten haben in den vergangenen Jahren mehrfach betont, dass die Insel für ihre strategischen Interessen in der Arktis zentral ist. Die USA unterhalten seit Jahrzehnten militärische Einrichtungen auf Grönland und haben ihr Engagement zuletzt offen als sicherheitspolitisch notwendig beschrieben. Gleichzeitig hat Dänemark mehrfach klargestellt, dass Grönland Teil des Königreichs bleibt und dass über seinen Status ausschließlich im Rahmen der bestehenden Ordnung entschieden wird. Beide Staaten betrachten Grönland damit als strategisch relevant, allerdings aus unterschiedlichen Perspektiven.
In Grönland selbst wird die Entschädigungsregelung aufmerksam verfolgt. Der Spiralen-Skandal wird dort nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenhang mit anderen Maßnahmen aus der Zeit der dänischen Dominanz. Er gilt als besonders gravierend, weil er direkt in die körperliche Selbstbestimmung eingriff. Die Entschädigung wird vielfach als notwendiger, aber unvollständiger Schritt gesehen.
In Dänemark ist die Debatte sachlicher, aber nicht weniger politisch. Die Regierung betont, dass mit der Entschädigung ein historisches Kapitel aufgearbeitet werde. Kritiker halten dagegen, dass der Schritt sehr spät komme und dass die damalige Logik der Bevölkerungspolitik lange verdrängt worden sei. Unstrittig ist jedoch: Der Kern des Skandals liegt nicht in medizinischen Fehlern, sondern in einer politischen Entscheidung zur Geburtenkontrolle, im Zweifel sogar ohne Wissen und Willen der Frau.