Simeon T. zu acht Jahren Haft verurteilt – Solidaritätswelle der europäischen Linken

Nach dem Budapester Urteil gegen Simeon T. solidarisieren sich Europas Linke mit dem verurteilten Gewalttäter. Der Fall zeigt, wie politische Loyalität Tat, Schuld und Opfer überdeckt.

Zu acht Jahren Haft verurteilt: Simeon T. Foto: Janos Kummer/Getty Images.

Zu acht Jahren Haft verurteilt: Simeon T. Foto: Janos Kummer/Getty Images.

Budapest. Das Urteil gegen den deutschen Linksextremisten Simeon T. hat eine bemerkenswerte politische Dynamik ausgelöst. Kaum war das Strafmaß verkündet, stellten sich linke Parteien und Abgeordnete aus mehreren europäischen Ländern demonstrativ hinter den Verurteilten. Nicht die Tat, nicht die Verletzten, nicht die organisierte Gewalt standen im Mittelpunkt – sondern die politische Deutung des Falls. Simeon T., der sich selbst „Maja“ nennt und sich als non-binär definiert, wird dabei zum Symbol erklärt: für angebliche Repression, für autoritäre Justiz, für die vermeintliche Kriminalisierung des Antifaschismus.

Das Budapester Gericht hatte Simeon T. am Dienstag wegen schwerer Körperverletzung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu acht Jahren Haft verurteilt. Nach Überzeugung der Richter beteiligte sich T. im Februar 2023 an mehreren koordinierten Angriffen auf Personen, die von den Tätern als politische Gegner identifiziert worden waren. Insgesamt wurden neun Menschen verletzt, vier davon schwer. Der Tatbestand der versuchten lebensgefährlichen Körperverletzung wurde als erfüllt angesehen. Eine Bewährung schloss das Gericht aus.

Reflexhafte Solidarisierung der Linken

Unmittelbar nach dem Urteil setzte eine politische Solidarisierung ein, die weit über Ungarn hinausreichte. Die Linksfraktion im Europäischen Parlament erklärte unter dem Motto „Siamo tutti Maja T.“ ihre Unterstützung für den Verurteilten und stellte das gesamte Verfahren in Frage. Der Co-Vorsitzende der Fraktion, Martin Schirdewan, sprach von einem politischen Schauprozess und warf Ungarn vor, Justiz und Strafverfolgung zur Einschüchterung politischer Gegner zu missbrauchen. Die Verurteilung sei Ausdruck einer autoritären Inszenierung der Regierung von Viktor Orbán.

Auffällig ist dabei die konsequente Verwendung des selbstgewählten Namens „Maja T.“ in großen Teilen der Berichterstattung, häufig verbunden mit dem Hinweis auf die non-binäre Selbstdefinition des Täters. Der bürgerliche Name Simeon T. tritt in den Hintergrund, ebenso die individuelle Verantwortung. Stattdessen wird eine Identitätskategorie in den Vordergrund gerückt, die emotionalisiert und moralisiert. Der Fall wird dadurch verschoben: weg von der Frage nach Schuld und Gewalt, hin zu einer Erzählung über Identität, Minderheitenschutz und politische Symbolik. Diese sprachliche Setzung ist nicht neutral, sondern Teil der politischen Rahmung, die den Täter zum Opfer umdeutet.

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Die Tat und das Netzwerk dahinter

Diese Deutung blendet aus, worum es in dem Verfahren tatsächlich ging: um organisierte, gezielte Gewalt. Die Angriffe im Februar 2023 waren nicht spontan, nicht situativ, nicht defensiv. Nach Erkenntnissen der Ermittler reisten rund 20 Linksextremisten aus Deutschland und anderen Ländern gezielt nach Budapest. Sie bewegten sich in Gruppen, gingen konspirativ vor und griffen an mehreren Orten der Stadt gezielt Personen an, die sie für Teilnehmer des sogenannten „Tags der Ehre“ hielten.

Die Täter setzten Teleskopschlagstöcke, Gummihämmer und Pfefferspray ein. Die Angriffe erfolgten aus dem Hinterhalt, teils auf offener Straße. Opfer wurden zu Boden geschlagen und weiter attackiert. Die eingesetzten Tatmittel waren geeignet, schwere Schädel- und innere Verletzungen zu verursachen. Dass niemand starb, war kein Ergebnis von Zurückhaltung, sondern nur glücklicher Zufall.

Im Zentrum der Ermittlungen stand ein Netzwerk, das in Sicherheitskreisen als „Hammerbande“ bezeichnet wird. Dabei handelt es sich nicht um eine formale Organisation mit Satzung und Mitgliedsausweisen, sondern um ein lose strukturiertes, grenzüberschreitend agierendes Milieu militanter Linksextremisten. Gemeinsame Reisen, abgestimmte Tatorte, vergleichbare Vorgehensweisen und identische Tatmittel deuten auf Planung und Koordination hin. Ziel war nicht politische Demonstration, sondern körperliche Ausschaltung.

Diese Dimension verschwindet in der öffentlichen Debatte nahezu vollständig. Stattdessen dominiert eine politische Erzählung, die den Fall von der Tat entkoppelt. In Stellungnahmen, Kommentaren und Berichten ist kaum noch von Opfern die Rede, kaum von Verletzungen, kaum von organisierter Gewalt. Stattdessen wird über Haftbedingungen, Identitätsfragen und politische Symbolik gesprochen. Die Gewalt selbst wird relativiert oder als Nebenaspekt behandelt.

Politische Deutung und mediale Verzerrung

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Darstellung Ungarns. Regierung und Justiz werden pauschal als autoritär beschrieben, das Urteil als politisch vorgegeben interpretiert. Dass das Gericht nicht der Forderung der Staatsanwaltschaft nach 24 Jahren Haft folgte, sondern ein deutlich niedrigeres Strafmaß verhängte, passt nicht in dieses Bild und wird entsprechend selten erwähnt. Auch dass Verteidigung und Anklage Berufung angekündigt haben – ein normaler Bestandteil rechtsstaatlicher Verfahren –, findet kaum Beachtung.

Häufig wird auf die Entscheidung des deutschen Bundesverfassungsgericht verwiesen, das die Auslieferung von Simeon T. nach Ungarn später als rechtswidrig einstufte. Diese Entscheidung ist juristisch relevant, wird politisch jedoch genutzt, um das gesamte Verfahren zu delegitimieren. Dabei handelt es sich um zwei getrennte Ebenen: die Frage der Überstellung eines Straftäters in ein anderes EU-Land und die Frage der Schuld an der Gewalttat selbst. Das Budapester Gericht verhandelte Taten, die auf ungarischem Staatsgebiet begangen wurden. Die Rechtswidrigkeit der Auslieferung hebt diese Taten nicht auf.

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In der politischen Kampagne wird die Unterscheidung nun gezielt verwischt. Simeon T. erscheint als Opfer einer Kette von Ungerechtigkeiten: rechtswidrige Auslieferung, vermeintlich schlechte Haftbedingungen, politisch motivierte Anklage. Die Perspektive der Verletzten kommt in dieser Darstellung kaum vor. Ihre Leiden werden minimiert, ihre Rolle marginalisiert. Damit wird implizit suggeriert, dass schwere Körperverletzung als politisches Mittel legitimierbar sei, solange sie ideologisch nur "richtig" begründet wird.

Der Fall ist kein Einzelfall. Der sogenannte Budapest-Komplex umfasst weitere Ermittlungen in mehreren europäischen Ländern. Auch dort geht es um grenzüberschreitende Vernetzung, militante Aktionen und ideologische Rechtfertigungen. Die politische Solidarisierung mit den Beschuldigten folgt dabei einem bekannten Muster: Täter werden zu Aktivisten umgedeutet, Gewalt zu Widerstand, Strafverfolgung zu Repression.

Gerade deshalb ist der Blick auf die Fakten entscheidend. Simeon T. wurde nicht verurteilt, weil er eine politische Meinung vertrat, einen bestimmten Namen verwendete oder sich als non-binär definiert, sondern weil er an brutalen Angriffen beteiligt war. Die Tat war organisiert, die Mittel gefährlich, die Verletzungen real. Dass niemand starb, war Zufall – und kein Argument für Verharmlosung.

Die politische Reaktion auf das Urteil zeigt, wie stark ideologische Loyalitäten die Wahrnehmung verzerren können. Solidarität gilt nicht den Opfern, sondern dem Täter. Kritik richtet sich nicht gegen die Gewalt, sondern gegen den Staat, der sie sanktioniert. Der Fall Simeon T. ist damit weniger ein Beleg für autoritäre Justiz als ein Lehrstück über politische Blindheit – und über die Bereitschaft, Gewalt zu relativieren, wenn sie aus dem eigenen Lager kommt.