Am 6. Februar sind die slowakischen Gasvorräte auf dem niedrigsten Stand seit 2022. Ihre Füllrate ist auf 39 Prozent gesunken. Das Ende des Winters ist jedoch noch relativ weit entfernt.
Gleichzeitig erleben die Europäer einen steilen Anstieg der Preise für diesen Rohstoff. Durch die Umstellung auf Flüssiggaslieferungen befindet sich der Kontinent auf einem hart umkämpften globalen Markt. Seit Jahresbeginn ist der Preis für diese Rohstoff in Europa um ein Fünftel gestiegen, wobei er vor einer Woche noch um bis zu 40 Prozent höher war als zu Jahresbeginn.
Als Hauptgrund für diesen Anstieg wird das kalte Winterwetter benannt, das zu einer höheren Nachfrage nach Gas führt. Ursache dafür waren zwei Kältewellen im Januar sowohl in Europa als auch durch das sehr kalte Wetter in den USA, das zu einer Verringerung der LNG-Lieferungen nach Europa führte. Starke Frostperioden in Amerika haben den Export von Flüssiggas nach Europa eingeschränkt. Die Nominierungen für Gaslieferungen an Exportterminals gingen um 26 bis 72 Prozent zurück. Die Folge war ein steiler Preisanstieg.
Verschiebung von Russland auf die USA
Die europäischen Länder haben in den letzten Jahren ihr Lieferantenportfolio erheblich verändert. Noch im Jahr 2021 spielten die Russen die Hauptrolle, während die EU-Länder im vergangenen Jahr nur noch etwa 13 Prozent ihres Bedarfs aus Moskau bezog. Fast doppelt so viel kam stattdessen in verflüssigter Form aus den USA.
Der Trend ist dabei steigend. Noch im Sommer verpflichtete sich die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, beim Abschluss eines Handelsabkommens mit den USA, dass Europa amerikanisches Gas für Hunderte von Milliarden Euro kaufen werde.
Angesichts des Interesses des amerikanischen Präsidenten an Grönland und seiner harten Haltung gegenüber den europäischen Verbündeten wurden daher Stimmen laut, ob der Kontinent mit dieser Verschiebung der Abhängigkeit von Russland auf die USA nicht vom Regen in die Traufe gekommen sei.
Können russisches und amerikanisches Gas ersetzt werden?
Unabhängigkeit könnte für die EU auch durch eine möglichst große Diversifizierung der Lieferanten unterstützt werden, in die politische Entscheidungen aus Brüssel nicht eingreifen können.
Denn es soll in absehbarer Zeit mehr Gas auf den Markt kommen. Neben China plant auch Katar bis 2030 fast eine Verdoppelung Steigerung der Produktion, insbesondere durch das North Field-Projekt. Und auch die Amerikaner fördern immer mehr Gas aus Schiefergestein.
Dennoch dürfte Europa bis Ende dieses Jahres Probleme bekommen, rund 20 Milliarden Kubikmeter russisches LNG zu ersetzen, bis Herbst 2027 fast die gleiche Menge an Gas (das über Pipelines transportiert wird), und gleichzeitig die neu entstandene Abhängigkeit von den USA zu verringern.
Auf dem Weltmarkt wird in diesem Jahr ein Anstieg des LNG-Angebots um sieben Prozent erwartet. Der überwiegende Teil davon entfällt auf die höheren Produktionskapazitäten der Vereinigten Staaten und Katars. Katar konzentriert sich derweil mehr auf den asiatischen Markt, die USA auf den europäischen. Obwohl die Zahl der Flüssiggaslieferanten weltweit zunimmt, verfügt keiner von ihnen über die Kapazitäten, um das amerikanische LNG vollständig zu ersetzen es wird von Experten ein Anstieg der Preise erwartet.
Slowakei und Ungarn fordern Aufhebung strenger Russland-Sanktionen
Als Lösung für das gesamte europäische Problem der Energiesouveränität fordern Ländern wie die Slowakei oder Ungarn eine Aufhebung des strengen Verbots russischer Energieträger in Europa. Beide Länder reichten wegen dieser Verordnung Klage in Brüssel ein udn argumentieren mit der Unzuverlässigkeit der USA und nur einem kleinen Kreis sonstiger, potenzieller Verkäufer auf dem Weltmarkt. In LNG-Terminals zu investieren und sich ein Portfolio aus mehreren Lieferanten von Flüssiggas aufzubauen ist für Küstenländer umsetzbar, für die Binnenländer der EU jedoch nicht möglich. Diese bleiben auf Lieferungen über Pipelines angewiesen.
Darüber hinaus ist es ein großes Risiko, auf Gas aus Katar oder anderen Ländern des Nahen Ostens zu setzen, da bei größeren Spannungen zwischen Israel, den USA und dem Iran die Gefahr einer Blockade der Straße von Hormus besteht. Diese Alternative ist jedoch derzeit politisch nicht durchsetzbar.
Die Investmentbank Morgan Stanley hat in diesem Zusammenhang ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Europa, wenn es Gaspreise auf dem Niveau vor der Covid-Krise, also knapp unter 20 Euro pro Megawattstunde, haben wolle, seine Abhängigkeit von LNG-Lieferungen auf 10 bis 20 Prozent senken müsse, was vor den Jahren 2020 bis 2021 Standard war. Dazu müsste sie entweder eigene Vorkommen fördern - Deutschland besitzt umfangreiche Gasfelder, die jedoch aus politischen Gründen nicht gefördert werden - oder mehr Pipelinegas importieren, darunter auch russisches. Das ist derzeit ebenfalls politisch nicht gewollt. Europa bleibt damit in einer Energie-Abhängigkeit stecken.