Wien. Der Winter hat in Wien Spuren hinterlassen - nicht auf den Straßen, sondern in den Haushalten. Als im Januar die Abrechnungen sortiert, Kreditkarten geprüft und erste Energierechnungen angekündigt wurden, zeigte sich bei vielen, wie dünn die finanziellen Reserven geworden sind. Der Anstieg bei der Schuldenberatung ist deshalb kein saisonaler Ausreißer, sondern Ausdruck einer tieferliegenden Entwicklung. Beim Fonds Soziales Wien suchten im Januar 750 Menschen erstmals Hilfe, zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Der Februar, so die Erwartung der Berater, wird diesen Trend bestätigen.
Auffällig ist dabei weniger der konkrete Anlass als das Muster dahinter. Weihnachten und Jahreswechsel wirken oft nur als Katalysator. Zusätzliche Ausgaben treffen auf Haushalte, die bereits zuvor am Limit kalkuliert haben. Was über Monate hinweg notdürftig ausgeglichen wurde, kippt dann innerhalb weniger Wochen. Die Schuldenberatung beschreibt keinen plötzlichen Absturz, sondern einen schleichenden Kontrollverlust. Viele kommen erst, wenn sich Rückstände bereits aufgebaut haben und einfache Korrekturen nicht mehr reichen.
Die Struktur der Probleme hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschoben. Zwar spielen Konsumkredite, Ratenzahlungen und Telekommunikationsverträge weiterhin eine Rolle. Im Zentrum stehen jedoch immer häufiger existenzielle Kosten. Jede dritte Person, die aktuell erstmals beraten wird, hat Zahlungsrückstände bei Miete, Strom oder Heizung. Damit geht es nicht mehr um finanzielle Optimierung, sondern um die Sicherung der elementaren Lebensgrundlagen. Wer an diesen Stellen in Verzug gerät, steht rasch vor Sperren, Mahnverfahren oder dem Verlust der Wohnung.
Arbeitslosigkeit als struktureller Treiber
Diese Lücke zwischen Einkommen und Fixkosten wird in Wien besonders sichtbar. Ein zentraler Treiber ist die Lage am Arbeitsmarkt. Die aktuellen Zahlen des Arbeitsmarktservice Wien zeichnen ein klares Bild. Im Januar 2026 waren in Wien exakt 139.709 Personen als arbeitslos vorgemerkt. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das einen Anstieg um 6.696 Personen oder fünf Prozent. Zusätzlich befanden sich 33.837 Menschen in Schulungsmaßnahmen des AMS. Zusammengerechnet standen damit 173.546 Personen in Wien nicht regulär im Arbeitsmarkt.
Die Arbeitslosenquote liegt in der Bundeshauptstadt bei 13,1 Prozent. Österreichweit beträgt sie 8,8 Prozent. Wien liegt damit um 4,3 Prozentpunkte über dem Bundesdurchschnitt und stellt mehr als ein Drittel aller Arbeitslosen in Österreich. Bundesweit sind 379.771 Personen arbeitslos gemeldet. Der Abstand ist kein kurzfristiger Effekt, sondern strukturell verfestigt.
Besonders deutlich zeigen sich die Verschiebungen innerhalb der Gruppen. In Wien sind 58.404 Frauen arbeitslos vorgemerkt, ein Anstieg um 8,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bei Männern liegt der Zuwachs bei 2,7 Prozent. Die Arbeitslosigkeit steigt damit bei Frauen deutlich schneller. Bei den über 50-Jährigen zeigt sich ebenfalls ein starkes Wachstum. 38.013 Personen dieser Altersgruppe sind arbeitslos, ein Plus von 7,2 Prozent. Gleichzeitig sind sie im Schnitt länger ohne Beschäftigung.
Ein besonders harter Indikator ist die durchschnittliche Vormerkdauer. In Wien liegt sie bei 221 Tagen. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Anstieg um 23 Tage. Arbeitslosigkeit wird damit nicht nur häufiger, sondern auch länger. Wer einmal aus dem Arbeitsmarkt fällt, findet zunehmend schwerer zurück. Das gilt insbesondere für Personen mit gesundheitlichen Vermittlungseinschränkungen. Ihre Zahl stieg um mehr als zehn Prozent auf 19.402 Personen.
Hohe Fixkosten, schrumpfender Arbeitsmarkt
Auch die Qualifikationsstruktur spielt eine zentrale Rolle. 64.591 arbeitslos vorgemerkte Personen in Wien verfügen maximal über einen Pflichtschulabschluss. Das ist nahezu jede zweite arbeitslose Person. Diese Gruppe ist besonders anfällig für konjunkturelle Schwankungen und strukturelle Umbrüche. Gleichzeitig sinken die Möglichkeiten zur Qualifizierung. Die Zahl der Personen in Schulung ist in Wien um 11,7 Prozent zurückgegangen, deutlich stärker als im Bundesdurchschnitt. Damit verliert ein zentrales arbeitsmarktpolitisches Instrument an Reichweite.
Der Blick auf den Stellenmarkt verschärft das Bild weiter. In Wien waren im Januar 2026 nur noch 12.096 offene Stellen gemeldet. Das entspricht einem Rückgang um 10,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch die Zahl der neu gemeldeten Stellen sinkt, ebenso die Dauer der Ausschreibungen. Das deutet darauf hin, dass nicht nur weniger Jobs angeboten werden, sondern auch die Qualität der verfügbaren Stellen abnimmt. Kurzfristige, instabile Beschäftigung ersetzt langfristige Perspektiven.
Für viele Haushalte bedeutet diese Entwicklung eine wachsende Unsicherheit. Fällt das Erwerbseinkommen weg oder sinkt es, bleibt kaum Zeit zur Anpassung. Die Wohnkosten sind hoch, Energie bleibt teuer, Lebensmittelpreise liegen weiterhin deutlich über dem Niveau früherer Jahre. Rücklagen lassen sich unter diesen Bedingungen kaum bilden. Schon wenige Monate Arbeitslosigkeit reichen aus, um Zahlungsrückstände entstehen zu lassen. Die Schuldenberatung sieht diese Dynamik täglich. Hinzu kommt ein weiterer Belastungsfaktor, der sich erst in den kommenden Monaten voll auswirken dürfte. Nach dem kalten Winter stehen für viele Haushalte hohe Nachzahlungen bei Strom und Heizung an. Die Berater rechnen mit einem erneuten Anstieg der Anfragen. Energierechnungen wirken oft als Auslöser, weil sie in kurzer Zeit hohe Beträge fällig stellen. Wer bereits mit Miete oder laufenden Kosten kämpft, gerät dadurch endgültig unter Druck.
Um gegenzusteuern, setzt der Fonds Soziales Wien verstärkt auf Budgetberatung. Sie soll frühzeitig Transparenz schaffen, Einnahmen und Ausgaben ordnen und Risiken sichtbar machen. Doch auch dieses Instrument hat Grenzen. Wo Einkommen dauerhaft nicht mit den Fixkosten Schritt hält, lassen sich Probleme nicht wegberaten. Sparen setzt Spielräume voraus, die in vielen Haushalten längst nicht mehr vorhanden sind.