Deutliche Zunahme an Insolvenzen und Geschäftsaufgaben im Mittelstand

Die DATEV, IT-Dienstleister der Steuerberater in Deutschland, analysiert in ihrem ersten Spotlight des Jahres die Entwicklung von Insolvenzen und Geschäftsaufgaben. Eine Welle von Betriebsschließungen verlagerte sich dabei von Ost nach West.

Immer mehr mittelständische Unternehmen geben auf. Foto: iStock Editorial/Getty Images Plus

Immer mehr mittelständische Unternehmen geben auf. Foto: iStock Editorial/Getty Images Plus

Die Genossenschaft DATEV hat ihren Report „DATEV Spotlight Insolvenzen“ vorgelegt. Die wirtschaftliche Lage der Kleinst-, kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in Deutschland spitze sich weiter zu, schreibt der IT-Dienstleister für Steuerberater. Nach drei verlorenen Umsatzjahren gerieten viele Betriebe zunehmend unter Liquiditäts- und Kostendruck. Das gehe dem Mittelstand, dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft, an die Substanz, heißt es weiter. DATEV ist nicht dafür bekannt, Alarmismus zu betreiben, doch Fachleute der Genossenschaft werden deutlich: Der Mittelstand in Deutschland habe bereits einen Teil seiner wirtschaftlichen Bedeutung eingebüßt.

KMU sind und bleiben das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Sie bilden 99,6 Prozent der Unternehmen und trugen im vergangenen Jahr 40,9 Prozent zur Bruttowertschöpfung bei. Sie erwirtschaften rund ein Drittel der Unternehmensumsätze und stellen 53 Prozent der Beschäftigten.

Verlorene Jahre

Die Zahlen verdeutlichen Ursachen und Probleme. Die Anteile der KMU an Umsatz und Beschäftigung in Deutschland gingen von 2018 bis 2023 jeweils um rund vier Prozentpunkte zurück. Der Anteil an der Bruttowertschöpfung sank im selben Zeitraum um gut zwei Prozentpunkte. Zugleich stieg die Zahl der Unternehmen zwischen 2018 und 2023 deutlich um 22 Prozent auf rund 3,16 Millionen. Mit 99,3 Prozent blieb der Anteil der KMU an allen Unternehmen seit 2018 nahezu unverändert. Daraus folgt, dass Kleinst-, kleine und mittlere Unternehmen immer weniger Umsatz erzielen. DATEV spricht im „Spotlight“ von drei verlorenen Umsatzjahren. Zugleich stiegen die Arbeitskosten stetig und kräftig. Allein die Löhne legten 2023 um 5,1 Prozent und 2025 um weitere 4,2 Prozent zu.

„Da verwundert es nicht, dass die Steuerberater in unserer Befragung, dem DATEV-Branchenbarometer, von wachsenden Liquiditätsrisiken, Restrukturierungen und zunehmenden Geschäftsaufgaben ihrer Mandanten berichten“, sagte Prof. Dr. Robert Mayr, CEO der DATEV eG, in einer Pressemeldung. Die Umsätze sinken, die Kosten steigen — da braucht es oft nicht einmal eine Insolvenz, die zum Ende der Unternehmertätigkeit führt. „Viele kleine Unternehmen nähern sich dem Punkt, an dem sich die Geschäftstätigkeit einfach nicht mehr lohnt“, erklärte Mayr die Entwicklung. Unternehmer, die feststellen, dass es lukrativer sein könnte, einen Job anzunehmen oder in Rente zu gehen, werden kaum bereit sein, weiter unternehmerisch tätig zu sein.

Rekordjahr bei Insolvenzen

Nicht immer ist die Geschäftsaufgabe die Lösung der Wahl. Rechtzeitig die Reißleine zu ziehen und damit einen sauberen Schlussstrich zu setzen, gelingt in vielen Fällen nicht. Eine Insolvenz kann auch – bei aller Dramatik, die mit dem Verfahren einhergeht – einen Neustart bedeuten.

Hinsichtlich der Insolvenzen von KMU nehmen Steuerberater in Deutschland ein differenziertes Bild wahr. Die Beobachtungen vor Ort korrelieren mit der Zahl der Insolvenzen in Deutschland, die 2025 einen neuen Höchststand erreicht hat. Das Statistische Bundesamt (Destatis) meldete für 2025 eine vorläufige Gesamtzahl von knapp 22.000 Unternehmensinsolvenzen. Die Unternehmensarten und -größen sind jedoch in unterschiedlichem Maße betroffen, so DATEV. Kleinstunternehmen ohne Beschäftigte sowie größere Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern gerieten deutlich stärker unter Druck. Nach der Insolvenzwelle 2024 mit den höchsten Zuwächsen beim Insolvenzgeschehen zeigte sich 2025 dagegen eine leichte Beruhigung bei klassischen KMU mit ein bis 100 Beschäftigten.

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DATEV kann hier direkt auf valide Daten aus der Wirtschaft zugreifen. Ein Teil der Entwicklung lasse sich, so die Genossenschaft, unmittelbar in den DATEV-Systemen beobachten und prognostizieren. In den Gehaltsabrechnungsprogrammen würden demzufolge etwa 20 Prozent der Insolvenzen von Unternehmen mit mindestens einem Mitarbeiter sichtbar. Die Pressemeldung nennt als Beispiel Pflichtabmeldungen zur Unfallversicherung. Allein daraus lasse sich für die letzten Monate des Jahres 2025 ein weiterer Anstieg der Insolvenzen in der Gruppe der Unternehmen ablesen.

Ein Insolvenzverfahren, auch das betont DATEV, bedeute jedoch nicht immer das Aus für den Betrieb. Knapp ein Drittel der Unternehmen könne anschließend fortgeführt werden. „Insolvenzen sind schmerzhafte Einschnitte“, gesteht Robert Mayr, „aber sie markieren oft auch Übergänge, aus denen Neues entsteht. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten gehen mit ihnen tiefgreifende Anpassungsprozesse einher: Geschäftsmodelle werden hinterfragt, Unternehmen neu ausgerichtet oder gegründet, Märkte ordnen sich neu.“

Bei den Branchen zeigen sich Unterschiede

Nach Branchen betrachtet differenziert DATEV zwischen Baugewerbe, Verarbeitendem Gewerbe und Gastgewerbe. Das Baugewerbe kämpft seit vier Jahren mit zunehmenden Belastungen. In dem Zeitraum hat sich die Zunahme der Insolvenzen verfestigt. Mit 382 Verfahren wurde im April 2025 ein Rekordwert erreicht. Ein steiler Anstieg von über 45 Prozent war im Oktober 2024 zu verzeichnen. Die Schwäche des Baugewerbes zeigt sich in stagnierenden Umsätzen seit mehr als vier Jahren.

Im Verarbeitenden Gewerbe drücken, so DATEV, anhaltend schwache Umsätze auf die Ertragslage, sodass die Insolvenzen im April 2025 mit 184 Fällen ihren bisherigen Höhepunkt erreichten.

Auch im Gastgewerbe konnten nominale Umsatzsteigerungen in den Jahren 2021 und 2022 die Effekte von Preissteigerungen, Personalmangel und steigenden Insolvenzen nicht kompensieren. Ab September 2022 ging nicht nur der Umsatz massiv zurück, auch die Zahl der Insolvenzen beschleunigte sich und erreichte im Oktober 2025 ihren bisherigen Höchststand.

Die Welle wandert nach Westen

Ein interessantes Detail hat das „Spotlight“ von DATEV herausgearbeitet. Regional verschiebe sich der Schwerpunkt bei den ungeplanten Betriebsaufgaben deutlich. Im Jahr 2024 war besonders Ostdeutschland betroffen, 2025 lagen die Hotspots im Westen. Gemeint sind freiwillige Aufgaben, weil die Tätigkeit als Unternehmer nicht mehr hinreichend profitabel ist. Das trifft jedoch auch auf Insolvenzen zu. Besonders viele gab es in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.

Die Auswertung von DATEV zeigt allerdings auch einen Hoffnungsschimmer. Auffällig sei dabei, so die Pressemeldung, ein ähnlicher regionaler Trend bei den Gewerbeanmeldungen. Wo viele Unternehmen aufgeben, entstehen zugleich neue. Die Genossenschaft wertet das als Zeichen für Anpassungs- und Erneuerungsprozesse.

Hoffnung im Tal

Erneuerungsprozesse laufen oft antizyklisch. Das bedeutet, dass es in wirtschaftlichen Schwächephasen zu mehr Unternehmensgründungen kommt. Hier bestätigte der Startup-Verband bereits im Januar die Beobachtungen der Steuerberater. Mit 3.568 neu gegründeten Startups, meldete der Verband, sei ein neuer Höchststand erreicht worden. Das entspricht einem Plus von 29 Prozent gegenüber 2024 und sogar mehr als im bisherigen Rekordjahr 2021.

Der Grund kann unter anderem darin liegen, dass eine Krise als Chance oder Katalysator wahrgenommen wird. Krisenzeiten verändern auch das Konsumverhalten und die Arbeitsweisen. Dadurch entstehen neue Bedürfnisse, die von Gründern bedient werden können. Entsteht für Neues ein Markt, bildet sich ein Angebot.

Viele Neugründungen bieten aus bestehender Not heraus innovative Lösungen für die Probleme etablierter Branchen. Manche Not treibt Entwicklungen in ungeahnte Richtungen. Kaum ein privater Haushalt findet noch eine Putzhilfe, stattdessen sind Saug- und Saugwischroboter inzwischen weit verbreitet. Nicht zu vergessen ist, dass so manche Gründung aus reiner Notwendigkeit entsteht, beispielsweise bei drohender Arbeitslosigkeit. Zumeist ist jedoch der Drang zur Innovation der Treiber. Auch dafür kann eine Krise der Auslöser sein.

Da die Unternehmensaufgaben die Neugründungen jedoch weiterhin deutlich überwiegen und branchenübergreifend die Umsätze stagnieren oder rückläufig sind, wird es noch lange keine Trendwende im deutschen Mittelstand geben.