Präsident Macron will mehr Kinder

In Frankreich sind im vergangenen Jahr mehr Menschen gestorben als geboren wurden. Die Regierung Macron reagiert mit einem Brief an junge Menschen. Auch andere europäische Länder kämpfen gegen den demografischen Wandel.

Der französische Präsident Emmanuel Macron greift angesichts sinkender Geburtenraten zu ungewöhnlichen Mitteln. Foto: JGI/Jamie Grill/Getty Images

Der französische Präsident Emmanuel Macron greift angesichts sinkender Geburtenraten zu ungewöhnlichen Mitteln. Foto: JGI/Jamie Grill/Getty Images

Paris. In Frankreich lag die Geburtenrate lange höher als im Rest Europas. Vive l’amour! In den vergangenen Jahren ist sie allerdings drastisch gesunken. Von einem Höchststand im Jahr 2010 mit 2,0 Kindern pro Frau fiel die Rate bis 2025 auf 1,56 Kinder. Noch 2018 gab es aus der Schweiz Lob für Frankreich wegen seiner modernen und effizienten Familienpolitik. Man sprach von der französischen Ausnahme, weil eine moderne Gesellschaft gesehen wurde, die berufstätige Frauen nicht vom Kinderkriegen abschreckte, sondern mit einer ständig weiterentwickelten Familienpolitik dazu ermutigte. Das hat sich gründlich geändert. Kita-Plätze zu schaffen reicht eben nicht, um Frauen zum Kinderkriegen zu motivieren. Das Jahr 2025 war das erste Jahr seit dem Zweiten Weltkrieg, in dem Frankreich mehr Sterbefälle als Geburten verzeichnete.

Die biologische Uhr tickt

Grund genug für den Präsidenten, persönlich zu intervenieren. Jede 29-jährige Französin bekommt jetzt einen Brief, der an die biologische Uhr erinnern soll. Seit zwei Jahren spricht der Präsident von der demografischen Wiederaufrüstung des Landes und verwendet damit eine recht martialische Sprache für die Fertilität französischer Frauen, was ihm prompt Kritik aus feministischen Kreisen eintrug.
Auch Männer erhalten mit 29 Jahren einen Brief, der auf die nachlassende Qualität ihrer Spermien hinweisen soll. Die Gesundheitsministerin Stéphanie Rist, aus deren Haus das Schreiben stammt, verweist darauf, dass inzwischen jedes achte Paar in Frankreich Schwierigkeiten hat, Kinder zu bekommen. In zahlreichen Fällen liegt das Problem bei der fehlenden Zeugungsfähigkeit des Mannes.

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Außer der Briefkampagne unternimmt die französische Regierung eine Reihe konkreter Maßnahmen, damit die Menschen mehr Kinder bekommen. Bis 2028 will sie zahlreiche neue, auf Fruchtbarkeitsprobleme spezialisierte Zentren einrichten. Betroffene Paare sollen schnellere und präzisere Diagnosen erhalten, damit ihnen unmittelbarer geholfen werden kann. Wie diese Hilfe konkret aussehen soll, da bleibt die Regierung jedoch vage. Vernachlässigte Krankheiten wie Endometriose und das polyzystische Ovarialsyndrom, die Unfruchtbarkeit verursachen können, sollen künftig jedenfalls besser behandelt werden.

Schon länger gibt es ein Gesetz, auf das auch der Brief hinweist: Frauen zwischen 29 und 37 Jahren können in Frankreich ihre Eizellen gratis einfrieren lassen. Dass das Schreiben nicht auf die Risiken des sogenannten Social Freezing hinweist, ist eine andere Sache. In einem Land, das Abtreibung als Grundrecht in die Verfassung schreibt, scheint es nur logisch, Fertilität als rein medizintechnisches Problem aufzufassen. Frankreich liegt damit voll auf der Linie dessen, was in WHO und EU gemeinhin als reproduktive Gesundheit bezeichnet wird. Auch hier gehören problematische Maßnahmen wie künstliche Befruchtung und Abtreibung in aller Selbstverständlichkeit dazu.

Demografie in Europa

Da der demografische Wandel, der in einigen Ländern inzwischen zur demografischen Krise wird, ein europäisches Problem ist, steht Frankreich nicht allein da. Alle europäischen Staaten mühen sich um höhere Geburtenraten. Die Maßnahmen reichen von klassischem Kindergeld über Geburtsboni und Babygeschenkboxen zur Geburt mit unterschiedlichen Inhalten bis hin zu Steuererleichterungen und Betreuungsangeboten für Kinder, teilweise schon für Kleinstkinder.
Bulgarien etwa bietet mit 58,5 Wochen bei 90 Prozent des Gehalts den längsten Mutterschutz. Auch Ungarn, Tschechien und Schweden gewähren sehr lange bezahlte Elternzeiten von bis zu 24 Monaten. Bulgarien ist das Land in Europa mit der höchsten Geburtenrate von 1,81 Kindern pro Frau. Die niedrigste Rate hat Malta mit nur 1,08 Kindern. Alle europäischen Staaten liegen unter 2,1 Kindern pro Frau, dem sogenannten Reproduktionsniveau.

In Deutschland ist der Kinderwunsch deutlich höher als die tatsächlichen Geburtenraten. Daten des Familiendemografischen Panels des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zufolge seien die Kinderwünsche stabil geblieben, teilte eine Sprecherin des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) mit. Die intendierte Kinderzahl von Frauen im gebärfähigen Alter (18–49 Jahre) liege seit 2021 bei etwa 1,8 Kindern je Frau.

Die Entscheidung für oder gegen Kinder sei eine persönliche. Sie werde, so das Ministerium, von vielen Faktoren beeinflusst, die sich staatlicher Steuerung entzögen. So hätten 32 Prozent der Kinderlosen in einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des BMBFSFJ Ende 2025 angegeben, noch keinen geeigneten Partner gefunden zu haben. 31 Prozent wollten sich ihre persönlichen Freiräume erhalten. Gesundheitliche Gründe nannten sieben Prozent, und elf Prozent können keine weiteren Kinder bekommen. Auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen spielten eine Rolle. Dazu zählt das Ministerium finanzielle Leistungen wie Elterngeld und Kindergeld sowie Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Ministerium setzt auf Kontinuität

Mit Blick auf die gestiegene Erwerbstätigkeit von Frauen komme der Vereinbarkeit von Familie und Beruf besondere Bedeutung zu. Die deutsche Bundesregierung investiere daher, so die Sprecherin, weiter in die Kindertagesbetreuung. Im Rahmen einer Investitionsoffensive sollen den einzelnen Bundesländern von 2026 bis 2029 insgesamt vier Milliarden Euro für Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur zur Verfügung gestellt werden. Zudem unterstützt der Bund die Länder seit 2019 über das KiTa-Qualitäts- und Teilhabeverbesserungsgesetz, 2025 und 2026 mit jeweils rund zwei Milliarden Euro jährlich.

Angesichts sinkender Geburtenraten setzt die Bundesregierung auf Kontinuität. Die Geburtenziffer in Deutschland ist laut vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) im Jahr 2024 auf 1,35 Kinder pro Frau gesunken. Das stellt eine deutliche Abnahme gegenüber den Werten von 1,46 im Jahr 2011 und 1,49 im Jahr 2022 dar und setzt den seit 2017 beobachtbaren Rückgang fort. Der eingeschlagene Kurs, so die Sprecherin des Ministeriums, werde mit Investitionen in die Kindertagesbetreuung, Impulsen für eine partnerschaftliche Aufgabenteilung sowie Maßnahmen zur Gleichstellung und zur Förderung einer familienfreundlichen Arbeitswelt fortgeführt.

Der ungarische Weg

Eine bemerkenswerte Familienpolitik hat Ungarn in den vergangenen Jahren entwickelt. Der Kern der Maßnahmen ist eine steuerzentrierte Sozialpolitik. Anders als westeuropäische Modelle mit staatlichen Transferleistungen setzt sie vor allem auf Steuererleichterungen für Familien. Es gibt Erwerbsanreize und Steuerentlastungen, die sich vor allem an junge Familien und Frauen im erwerbstätigen Alter richten.

Kinderkriegen darf in dieser Philosophie keine sozialen oder ökonomischen Nachteile mit sich bringen. Nebenbei stärkt der Staat damit die Binnenkaufkraft, was ebenfalls dem Mittelstand zugutekommt. Hinzu kommen Maßnahmen wie günstige Kredite und Bauförderung für Familien. Rückzahlungen werden nach Kinderzahl gestaffelt erlassen. Das Programm richtet sich klar an den arbeitenden Mittelstand, der in Ungarn gestärkt werden soll.

Der Erfolg zeigt sich in einem Anstieg auf 1,55 Kinder pro Frau im Jahr 2024. Das Ziel von 2,1 Kindern pro Frau, das nötig ist, damit eine Bevölkerung stabil bleibt, hat auch Ungarn bislang nicht erreicht. Darum erweitert das Land sein Programm. Bis Oktober 2025 waren Mütter mit vier und mehr Kindern lebenslang von der Einkommensteuer befreit. Die Regelung wurde auf Mütter mit drei Kindern ausgeweitet und soll – so der Plan – noch in diesem Jahr auf Mütter mit zwei Kindern erweitert werden.