Deutschland, der ideale Sündenbock

Wenn ein Marco Rubio in München zur Verteidigung der Kultur des Westens aufruft, sollten gerade die Deutschen gut zuhören. Nirgendwo existiert ein größeres Vakuum an Nationalstolz auf das Eigene. Der Deutsche ist lieber gerne schuldig.

Das illustrative Foto wurde mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Foto: Štandard / Gemini

Das illustrative Foto wurde mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Foto: Štandard / Gemini

Es gibt wohl nur ein Land in Europa, das so etwas wie „Nationalstolz“ nicht kennt: Deutschland. Dort ist selbst ein völlig unaufgeregtes Nationalbewusstsein tabu, nationale deutsche Interessen spielen im politischen Diskurs keine Rolle. Ja, gibt es überhaupt eine spezifisch deutsche Kultur, außerhalb der deutschen Sprache? Und was heißt das, wenn Politiker derzeit ständig „Zusammenhalten“ in der Gesellschaft erflehen? Zusammenhalt wofür? Wogegen? Was hält „die in Deutschland Lebenden“, wie es ja mittlerweile heißt, um den Begriff des deutschen Volkes zu vermeiden, denn noch zusammen?

Und wer glaubt ernsthaft, die "neu Hinzukommenden", die inzwischen zu Millionen da sind, ließen sich auf die Übernahme historischer deutscher Schuld verpflichten – gar jene Migranten, die aus judenfeindlichen Kulturen stammen?
Die zwölf Jahre Nationalsozialismus schneiden uns als Deutsche von der vorangegangenen Geschichte ab. Vom Kaiserreich etwa, eine Zeit, die geprägt war von Innovation, Ingenieursleistung und wirtschaftlichem Erfolg. Jetzt sind diese Jahre nur noch reduziert auf eine der „Vorstufen“ des künftigen deutschen Verhängnisses: den Holocaust.

Der Stolz an der Schuld

Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach bei einer seiner vielen bedeutungssuchenden Reden von der „Monstrosität eines beispiellosen Menschheitsverbrechens“. So monströs der Massenmord an Juden auch war: Der gut gemeinte Superlativ hat den unguten, aber mancherorts durchaus erwünschten Nebeneffekt, dass über die Millionen Toten unter Stalin (geschätzte 20 Millionen) und Mao (geschätzte 45 Millionen) geschwiegen werden kann. Derlei Hinweise bringen einen in Deutschland trotz der klaren Faktenlage immer sofort in den Verdacht, die Einzigartigkeit deutschen Verbrechertums relativieren zu wollen.

An diesem Beschweigen fremder Greueltaten hatte nebenbei die DDR ein existenzielles Interesse. Sozialismus und Kommunismus sollten nicht beschmutzt werden durch die historische Wahrheit des Massenmordes im Zuge der Schaffung des "neuen Menschen".
Es scheint zudem mittlerweile zur politischen Gewohnheit geworden zu sein, auch die Schuld für die Verbrechen von anderen auf deutsche Schultern zu laden und diese Schuld dann mit finanziellen und anderen Entschädigungen zu sühnen. Schlimmer noch, der Deutsche ist stolz, wenn er zeigen kann, wieviel Schuld er trägt und wie wunderbar er Dinge wieder gut macht. Dieser „Schuldstolz“ ist jedoch ebenso unangebracht wie ein triumphierender Freispruch von historischen Untaten.

Koloniale Schuld ohne Kolonie?

„Schuldstolz“ ist allerdings wohl das treffende Wort für den bizarren Auftritt der damaligen Außenministerin Annalena Baerbock beim gemeinsamen Besuch mit der damaligen Kulturstaatssekretärin Claudia Roth von den Grünen am 20. Dezember 2022 in Abuja, der Hauptstadt Nigerias, um mit der Übergabe von 20 historischen Objekten - den sogenannten „Benin-Bronzen“, die vorher in deutschen Museen standen - die „eigene koloniale Vergangenheit“ Deutschlands aufzuarbeiten. Die „eigene“ koloniale Vergangenheit?

Nigeria war nie eine deutsche Kolonie, sondern eine britische. Und die zurückgegebenen Kunstwerke gehörten auch nicht zur kulturellen Identität des „nigerianischen Volkes“, das aus mehr als drei verschiedenen Volksgruppen besteht. Ihr früherer Eigentümer war das Königshaus Benin, einst ein
brutaler Sklavenstaat, wo die zurückgegebenen Bronzen von den Nachkommen umgehend privatisiert wurden, statt sie dem „nigerianischen Volk“ zur Verfügung zu stellen. Wer, fragt man sich da, berät eigentlich unsere Politiker?

Den Völkermord in den deutschen Genen?

Auch der These, es führe ein mehr oder weniger gerader Weg vom deutschen „Völkermord an den Herero“ zum Massenmord an den Juden, wird in Deutschland oft applaudiert. Es war der damalige deutsche Außenminister Heiko Maas von der SPD, der im Mai 2021 am deutschen Parlament vorbei ein Abkommen mit dem Staat Namibia einfädelte. „Wir“, also die Deutschen, hätten in der kurzen deutschen Kolonialzeit dort „Völkermord“ betrieben, und bäten nun durch Herrn Maas „Namibia und die Nachkommen der Opfer um Vergebung“.

Namibia gibt es allerdings erst seit 1990, das Land umfasst sechzehn Ethnien, es werden dort dreißig Sprachen und Dialekte gesprochen. Die Strafexpedition der deutschen Kolonialarmee gegen die Herero fand jedoch bereits im Jahr 1904 statt und hatte ein historisches Vorspiel: den Mord an 130 deutschen Farmern in derselben Region.
Die 1.400 Mann der deutschen Schutztruppe, die damals eingesetzt wurden, gingen zudem aus den zerstreuten Gefechten keineswegs siegreich hervor. Die Herero kannten das Terrain ihrer damaligen Heimat weit besser als die von Seuchen und Hunger geschwächten Deutschen und machten sich aus freien Stücken auf den Weg ins von den Briten kontrollierte Botswana.

Die deutsche Leiterin des nationalen Archivs Namibias, Brigitte Lau, monierte damals das „eurozentrische“ Bewusstsein, das hinter dieser Völkermord-These à la Maas stecke: „Von den deutschen Kolonisten zu behaupten, dass sie das Hererovolk mit Erfolg nahezu vernichteten und die Übriggebliebenen ›versklavten‹, heißt, sie zu überlegenen und eiskalten Mordmaschinen zu stilisieren, […] zu Übermenschen römischen Ausmaßes“. Es degradiere zudem die Hereros zu willenlosen Opfern. Auch hier also wieder so etwas wie unangebrachter Schuldstolz.

Wenn Militär und Zivilbevölkerung zur Einheit erklärt werden

Nicht selten hat man das Gefühl, dass das deutsche Nationalbild nicht erst seit dem ersten Weltkrieg den Thesen der britischen Propaganda folgt. Lag nicht am Grund des deutschen Verhängnisses der vielzitierte „preußische Militarismus“? Also die These von der Symbiose zwischen Volk und Militär zum Zweck der Einlösung des hegemonialen Anspruchs „Deutschland, Deutschland über alles“?

Nach diesem historischen Verständnis von "den Deutschen" stand Deutschland damals also nicht nur als Armee, sondern als Ganzes im Feld - so jedenfalls erklärt der Militärschriftsteller Carl von Clausewitz die damalige britische Interpretation über die Deutschen. Das sei der totale, der Volkskrieg, in dem der Unterschied zwischen Kombattanten und Zivilisten ausgelöscht sei, weshalb auch die Zivilbevölkerung mit Vergeltungsmaßnahmen zu rechnen habe.

Doch im preußischen Selbstverständnis führte man Krieg aus Gründen des Selbsterhalts, nicht des
Machterwerbs. Anders als bei den Kolonialmächten der damaligen Zeit konnte von preußischem „Imperialismus“ nicht die Rede sein. Der britische Staatsbeamte Baron Arthur Ponsonby beschrieb die Wendungen der britischen Propaganda bereits 1928 in seinem Buch „Falsehood in Wartime“, bezogen
auf den ersten Weltkrieg. Er kommt zum Schluss, dass der deutsche Einmarsch ins neutrale Belgien mitnichten die Ursache für den Krieg mit Deutschland war, sondern vor allem die britische Verpflichtung gegenüber Frankreich. Dass man also von einer Alleinschuld Deutschlands nicht sprechen konnte und dass der Versailler Vertrag von Rachsucht getragen war.

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Kein Mitleid für die Mitschuldigen

Doch in Deutschland ist es eher verpönt, die Alleinschuld Deutschlands zu bestreiten – so als ob es in Kriegsdingen nicht stets mehr als eine Partei geben würde. Als der damalige Bundespräsident Joachim Gauck im Jahr 2014 die von den Franzosen betreute Gedenkstätte im Elsass am Hartmannsweilerkopf besuchte, wo fast 30.000 deutsche und französische Soldaten starben, betonte der Bundespräsident seinen Respekt vor dem „Leid derer, die damals durch uns bekämpft wurden“. Verdienten also „unsere“ Soldaten keinerlei Respekt?

Als am 13. Februar 1945, also vor genau 81 Jahren der Luftangriff britischer und amerikanischer Bomber auf Dresden mit 400.000 Brand- und 4.500 Sprengbomben begann und ein Feuersturm das "Venedig des Ostens" in Schutt und Asche legte, erreichte das in Dresden mancherorts eine Temperatur von mehreren hundert Grad. Nicht nur viele der 630.000 Einwohner Dresdens, sondern auch eine große Anzahl schutzloser Flüchtlinge aus Schlesien kamen im zwei Tage andauernden Bombardement damals um, möglicherweise weit mehr als 25.000, die man heute angibt.

Groteskerweise streitet man sich in Deutschland seit Jahren über die Zahl der Toten, die Jahr um Jahr niedriger angesetzt wird, so als ob es darauf ankomme, das britische Vorgehen unter Bomber-Kommandeur Arthur Harris zu verharmlosen. Und überhaupt: Eine Historikerkommission erklärte 2008 lapidar, Dresden sei eben „als Konsequenz eines von Deutschland ausgegangenen Krieges“ zerstört worden – als lasse sich aus der Kriegsschuld eines Landes die Massentötung seiner Zivilbevölkerung
ableiten.

Und so wird Jahr um Jahr in Dresden um die korrekte Interpretation des Geschehens gerungen. Von Links soll das traditionelle Trauergedenken abgeschafft werden. Dahinter habe stets die Absicht gesteckt, „die Geschichte Dresdens als Ort nationalsozialistischer Gewaltverbrechen, massenhafter Zwangsarbeit und allgegenwärtiger Verfolgung auszublenden.“ Auch von Seiten der Stadt Dresden wurde immer wieder versucht, den Blick von den Dresdner Toten weg auf die Opfer der Nazis zu lenken. Eine auch von
Gewerkschaftern, SPD- und Linken-Politikern unterstützte Gruppe möchte den Dresdnern wörtlich ihren „Opfermythos“ endgültig austreiben.

Also gab es eigentlich gar keine deutschen Opfer, weil den Deutschen ja irgendwie recht geschah? Das ist wahrlich erschütternd. Britische Brand- und Sprengbomben zerstörten nahezu jede Stadt mit mehr als 50.000 Einwohnern. Noch in den letzten Kriegsmonaten, zwischen Januar und Mai 1945, als die Niederlage Deutschlands bereits ausgemacht war, wurden im Tagesschnitt mehr als 1.000 Zivilisten getötet, darunter Frauen, Kinder und Greise.

Hatte nicht Churchill schon 1940 erklärt, man werde Deutschland zu einer Wüste machen – mit einem „absolut vernichtenden, auf Ausrottung zielenden Angriff … auf das Vaterland der Nazis“? Nicht etwa auf die Kriegsmaschinerie, sondern auf die Zivilbevölkerung, deren Moral man damit untergraben wollte? Dem Sieg über Deutschland dienten die Bomben-Angriffe ab dem Sommer 1944 nicht mehr, man besaß längst die Lufthoheit. Jetzt ging es um die Bestrafung und Einschüchterung der deutschen Bevölkerung in Hinblick auf die Nachkriegszeit. Die Operation „Thunderclap“ sollte einen lang andauernden kollektiven Schock auslösen, als Lehre von bleibendem Wert.

Selbstauferlegte Buße bis heute

Der anhaltende Streit in Deutschland um die Auslöschung Dresdens ist bis heute von erstaunlicher Mitleidlosigkeit den deutschen zivilen Opfern gegenüber geprägt, so als lasse sich aus der Kriegsschuld eines Landes die Massentötung seiner Zivilbevölkerung ableiten und auch rechtfertigen. Das soll mal heute einer als Argument vorbringen in Bezug auf den Krieg im Gazastreifen. Hier wird auf allen politischen Ebenen weltweit gefordert, man möge der mehr oder weniger zivilen Bevölkerung doch nicht seine terroristische Hamas-Führung anlasten und man müsse sie unbedingt vor den Kollateralschäden des Krieges schonen.
Mitleidlosigkeit gegenüber deutschen Opfern ist in unserem Land jedoch üblich – es waren ja alle irgendwie Nazis.

Und das hat ja auch geklappt: noch heute sehen viele Deutsche die alliierte Vernichtungsaktion als gerechte Strafe an und versagen sich Gesten der Trauer. Ja, es ist durchaus angenehm, dass Deutschland nicht mit Nationalstolz auftrumpft, im Unterschied zu anderen Ländern, in denen die Schattenseiten der eigenen Geschichte beschwiegen werden.
Doch dieser Schuldstolz oder die Lust an der Rolle des Sündenbocks macht misstrauisch: verachtet das Land sich selbst und seine Bewohner? Und wenn das so ist, in was möchte es jene integrieren, die aus anderen Kulturen zu uns kommen?