Münchner Sicherheitskonferenz: US-Außenminister Rubio erklärt das Ende der westlichen Selbsttäuschung

Marco Rubio rechnet in München mit Freihandel, Migration und multilateraler Ordnung ab. Seine Botschaft an Europa ist eindeutig: Der Westen muss sich neu behaupten – oder verliert seine Zukunft.

Marco Rubio. Foto: Kevin Dietsch/Getty Images

Marco Rubio. Foto: Kevin Dietsch/Getty Images

München. Als im vergangenen Jahr US-Vizepräsident JD Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz sprach, war die Irritation im Saal kaum zu übersehen. Vance hatte nicht Russland, nicht China und nicht den globalen Süden als größte Bedrohung Europas bezeichnet, sondern innere Entwicklungen: Einschränkungen der Meinungsfreiheit, der politische Umgang mit Migration, die Ausgrenzung unbequemer Kräfte. In Deutschland wurde das als Provokation empfunden, Verteidigungsminister Boris Pistorius wies einst die Vergleiche mit autoritären Zuständen scharf zurück.

Diese Rede wirkte nach. Sie markierte einen Bruch mit der vertrauten transatlantischen Rollenverteilung, in der Washington mehr militärisches Engagement forderte, während europäische Partner sich auf Werte, Verfahren und multilaterale Ordnung beriefen. Vance stellte nicht die Einsatzbereitschaft, sondern den normativen Zustand Europas selbst infrage. Vor diesem Hintergrund war der Auftritt von US-Außenminister Marco Rubio in diesem Jahr weit mehr als ein diplomatischer Pflichttermin. Er war eine Standortbestimmung – und zugleich eine ideologische Fortsetzung, die den Konflikt vertieft und historisch auflädt. Rubio knüpft an die Vance-Rede an, verschiebt den Fokus jedoch von der Tagespolitik auf eine Erzählung über Aufstieg, Selbsttäuschung und drohenden Niedergang des Westens.

Rubio beginnt nicht mit aktuellen Konflikten, sondern mit Erinnerung. Er ruft die Teilung Deutschlands in Erinnerung, die Zeit, in der eine Linie zwischen Freiheit und Kommunismus quer durch Europa verlief. Er spricht von der Kubakrise, von einem Moment, in dem die Welt „vor einer apokalyptischen Klippe“ stand, schlimmer als alles, was die Menschheit zuvor erlebt habe. Damals sei der Ausgang offen gewesen, „Tausende Millionen Leben standen auf dem Spiel“.

Der Westen habe diese Zeit überstanden, weil er von gemeinsamen Zielen getragen gewesen sei. Man habe nicht nur gewusst, wogegen man kämpfte, sondern auch, wofür. Europa und Amerika hätten Wohlstand aufgebaut, der eiserne Vorhang sei gefallen, die deutsche Einheit erreicht worden. Doch genau diese Euphorie über den Sieg habe, so Rubio, in eine gefährliche Täuschung geführt.

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Die Illusion nach dem Sieg

Diese Täuschung benennt Rubio explizit: den Glauben an das „Ende der Geschichte“. Die Annahme, wirtschaftliche Verflechtung werde politische Macht ersetzen, dass Handel, Märkte und eine regelbasierte Ordnung nationale Interessen überflüssig machten. Wörtlich beschreibt Rubio die Vorstellung, „dass die Bande der Wirtschaft, des Handels, die Aufgaben des Staates ersetzen würden“ und dass eine Welt ohne Grenzen entstehe, in der jeder Weltbürger sei.

„Und das war keine kluge Annahme“, sagt Rubio. Sie habe ignoriert, was die Menschheitsgeschichte über Jahrtausende lehre. Der Westen habe dafür einen hohen Preis gezahlt. Besonders scharf fällt seine Abrechnung mit der Wirtschafts- und Industriepolitik aus. Man habe eine „dogmatische Ideologie des freien und unregulierten Handels“ umarmt, während andere Staaten ihre eigenen Unternehmen schützten und unterstützten. Die Folge sei gewesen, dass ganze Gesellschaften industrielle Kerne verloren und Produktion in andere Länder verlagert wurde.

Kritik am "Klimakult" und Migrationspolitik des Westens

„Wir haben unsere Souveränität ausgelagert“, sagt Rubio, während andere Länder massiv in Rüstung investiert und „harte Macht genutzt haben, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen“. Deindustrialisierung erscheint bei ihm nicht als naturgegebener Strukturwandel, sondern als politische Entscheidung mit strategischen Folgen. In diese Kritik bindet Rubio auch die Klimapolitik ein. Der Westen habe Maßnahmen ergriffen, „um einen Klimakult zu beruhigen“, während Gegner Gas, Öl und andere Ressourcen gezielt einsetzten, um ihre Wirtschaft zu stärken und diese Mittel auch gegen andere zu verwenden.

Am deutlichsten wird Rubio beim Thema Migration. Die Öffnung der Tore für Massenmigration sei kein Randthema, sondern eine Krise mit zivilisatorischer Dimension. Sie habe „den Fortbestand unserer Kultur und die Zukunft unserer Völker in Gefahr gebracht“. Migration sei nicht bloß eine Verwaltungsfrage, sondern eine Transformation, die Gesellschaften verändere und destabilisiere.

Bemerkenswert ist dabei der Ton. Rubio weist die Verantwortung nicht einseitig Europa zu. „Wir haben diese Fehler zusammen begangen“, sagt er, und leitet daraus eine gemeinsame Pflicht zur Korrektur ab.

Das westliche Angebot – und das Ultimatum

Aus dieser Diagnose entwickelt Rubio die politische Linie der Trump-Regierung. Unter Präsident Donald Trump würden die Vereinigten Staaten die Aufgabe der Erneuerung und Wiederherstellung entschlossen angehen, „für eine Zukunft, die so stolz und so souverän ist wie in der Vergangenheit“. Der zentrale Satz fällt früh und wirkt wie eine strategische Zäsur: Die USA seien bereit, diesen Weg notfalls allein zu gehen.

Gleichzeitig betont Rubio, dass Amerika diesen Weg lieber gemeinsam mit Europa beschreiten wolle. „Für die USA und für Europa ist klar, wir gehören zusammen“, sagt er und verweist auf die europäischen Wurzeln der Vereinigten Staaten. Amerika sei Teil einer westlichen Zivilisation, verbunden durch christlichen Glauben, kulturelles Erbe, Sprache, Geschichte und die Opfer vergangener Generationen.

Verteidigung auch nach Innen

Die Direktheit amerikanischer Forderungen erklärt Rubio ausdrücklich. Man erscheine vielleicht manchmal drängend, weil einem Europas Zukunft am Herzen liege. „Wenn wir mal nicht einer Meinung sind“, sagt er, liege das an dieser Sorge. Europa müsse überleben, weil sein Schicksal immer auch das amerikanische Schicksal berühre. Rubio verschiebt anschließend die Sicherheitsdebatte. Nationale Sicherheit sei nicht in erster Linie eine technische Frage von Verteidigungsausgaben oder Truppenstärken. Die entscheidende Frage laute, „was wir denn eigentlich verteidigen“. Streitkräfte kämpften nicht für Abstraktionen, sondern „für Menschen, für Nationen, für unsere Art zu leben“.

Verteidigt werden müsse eine Zivilisation, die allen Grund habe, stolz auf sich zu sein. Rubio entfaltet einen kulturellen Kanon von Rechtsstaatlichkeit und Universitäten bis zu Mozart, Dante, Shakespeare und der Sixtinischen Kapelle. Diese Aufzählung ist Teil der Argumentation: Nur wer zu diesem Erbe stehe, könne wirtschaftliche und politische Zukunft gestalten.

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Deindustrialisierung sei nicht unausweichlich gewesen, sondern eine bewusste politische Entscheidung. Migration sei keine Randfrage, sondern eine anhaltende Krise. Reindustrialisierung sei möglich, ebenso der Aufbau westlicher Lieferketten für kritische Rohstoffe, die nicht erpressbar seien.

Internationale Zusammenarbeit wird von Rubio nicht verworfen, aber klar relativiert. Die Vereinte Nationen könnten Gutes bewirken, hätten jedoch bei den zentralen Konflikten versagt. Er nennt Gaza, die Ukraine, Iran und Venezuela und betont jeweils die Rolle amerikanischer Führung. Das Völkerrecht dürfe nicht länger als Schutzschild für jene dienen, die Bürger bedrohten und globale Stabilität untergrüben.

Am Ende verdichtet Rubio seine Rede zu einem zivilisatorischen Appell. Der Westen stehe erneut an einem Entscheidungspunkt. Niedergang sei kein Naturgesetz, sondern eine Wahl. Gewünscht seien keine schwachen, sondern „starke, stolze Verbündete“, die ihr Erbe verteidigen könnten. Keine Verwaltung eines Status quo, der nicht mehr funktioniere, sondern eine erneuerte Allianz, die mutig in die Zukunft gehe.

Der Schluss ist programmatisch und emotional zugleich. Amerika sehe seine Heimat in der westlichen Welt und werde „immer ein Kind Europas bleiben“. Nach der Rede von JD Vance im Vorjahr ist Rubios Auftritt keine Entschärfung, sondern eine Zuspitzung: ein Angebot zur gemeinsamen Erneuerung – und zugleich ein Ultimatum an Europa, sich seiner eigenen Grundlagen wieder bewusst zu werden.